50 Jahre Eheberatung in Karlsruhe
Die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle Karlsruhe feierte im Herbst 2003
ihr 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlaß erschien eine (bebilderte)
Festschrift, die in einigen Exemplaren noch in der Beratungsstelle erhältlich
ist.
Sie können die Festschrift aber auch im Folgenden hier online anschauen (und bei Bedarf einzelne Seiten ausdrucken).
Außerdem haben Sie auch die Möglichkeit, die
Datei incl. Bildern als PDF herunterzuladen (zu speichern), um sie später
in Ruhe zu lesen. Hierfür müssen Sie auf Ihrem Rechner den Acrobat
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Da die Broschüre 30 Seiten umfaßt, ist allerdings auch die Datei
relativ groß. (Wir bitten um Nachsicht, daß
wir deshalb in der Online-Fassung auch schon die ganzseitigen Anzeigen herausnehmen
mußten.)
Wir haben für Sie zwei Versionen zur Auswahl:
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1953 - 2003
50 Jahre Eheberatung in Karlsruhe - Eine Erfolgsstory
- Festschrift -
Vorbemerkung: Die einzelnen Kapitel
des Inhaltsverzeichnisses können Sie von hier aus direkt per Link (Mausklick)
aufsuchen.
Inhalt:
- Programm zur Feier des 50-jährigen Bestehens
der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle
- Grußworte
- Förderkreis
- 50 Jahre Eheberatung – eine Erfolgsstory
1953 – 1959
Trümmerfrauen und Kriegsheimkehrer suchen lebensnahen Rat.
Seminare für Eheleute und Verlobte: »Was wird nach den Flitterwochen?«
1960 – 1969
Paarbeziehungen werden wieder nach altem Muster gelebt.
Volljährigkeitsgutachten: »Das ideale Brautpaar – sind Sie ehetauglich?«
1970 – 1979
Die Hausfrauen rebellieren
1980 – 1989
Neu entdeckt: Der Mann in der Beratung – Beratung in Gruppen
1990 – 1999
»Wir wollen alles fair miteinander regeln, auch unsere Trennung!«
2000 – 2003
Start ins neue Jahrtausend
- Supervisoren begleiten unsere Arbeit
Ivo Jozic: Supervision in Umbruchzeiten
Tilmann Moser: Die Freude an der Supervision
- Unser Angebot
Beratung für Einzelne, Paare, Familien und in Gruppen
Trennungsberatung und Mediation
Muttersprachliche Beratung
Supervision
E-Mail-Beratung
Vorträge / Gesprächsabende
- Das Team
- Impressum
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Programm der Feier zum 50-jährigen Bestehen
der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle"Quellen, aus denen wir schöpfen"
Ökumenischer Gottesdienst am Montag, 15.09.2003, 17 Uhr
in der Kleinen Kirche, Kaiserstraße.
Gestaltung: Pfarrer Matthias Bürkle, kath. Dekanstellvertreter,
und Pfarrer Michael Dietze, evang. Dekanstellvertreter,
das Team der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle."Ein Zukunftspanorama – Megatrends im 21. Jahrhundert"
Festakt mit Vortrag, Lyrik und Musik
am Freitag, 19. 09. 2003, 14:30 Uhr im Ulrich-Bernays-Saal der
Volkshochschule, Kaiserallee 12 e, 76133 Karlsruhe.
Referentin: Jeanette Huber, Zukunftsinstitut Frankfurt.Frau Huber hat uns freundlicherweise die bei ihrem Vortrag benutzten Folien überlasssen. Auch wenn der Text fehlt, sind diese Folien doch sehr informativ und sprechen für sich. Sie können diese Folien als
PDF-Datei hier ansehen und downloaden.Film und Brunch
am Samstag, 18.10.2003, 10 Uhr in der
Schauburg, Marienstraße 16, 76137 Karlsruhe.
Filme:
"Nackt" - Deutschland 2002, Regie und Buch: Doris Dörrie.
"Halbe Treppe" - Deutschland 2001, Regie: Andreas Dresen.
"Bella Martha" - Deutschland 2001, Regie und Buch: Sandra Eine.
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Harald Denecken, Bürgermeister
Im Namen der Stadt Karlsruhe beglückwünsche ich Sie sehr herzlich zum 50-jährigen Jubiläum der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung e.V. Karlsruhe.
Es war im Jahre 1953, als Frau Dr. Alice Haidinger im Auftrag der Karlsruher Frauenorganisationen die damalige »Vertrauensstelle für Eheleute und Verlobte« gegründet hat. Die ehrenamtlich engagierten Frauen holten in weiser Voraussicht die beiden christlichen Kirchen und die Stadt Karlsruhe als kommunalen Träger in das Boot des Trägervereins.
Aus der zumindest dem Titel nach beschaulichen Vertrauensstelle wurde zwischenzeitlich eine ganzheitliche Beratungsstelle. »Sie sind bei uns richtig«, so heißt es heute in Ihrem Internetauftritt, »wenn Sie Probleme und Krisen in Ihrer Partnerschaft, Ehe oder Familie, innerhalb anderer Beziehungen oder Probleme mit sich selbst und Ihrem Leben haben«.
Ihre Beratungstätigkeit beschränkt sich längst nicht nur auf eine Kommstruktur in der Nelkenstraße, sondern Sie praktizieren auch eine Gehstruktur: Zu den vielfältigen Tätigkeitsbereichen Ihrer engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören zahlreiche Aktivitäten, die unmittelbar mit meinem Dezernat zu tun haben, wie zum Beispiel die Vortragstätigkeit bei der interdisziplinären Facharbeitsgemeinschaft für Trennung und Scheidung, die Mitarbeit im Arbeitskreis »Interkulturelle Kompetenz «, im Arbeitskreis »Allein Erziehende« und beim Projekt »Häusliche Gewalt«.
So ändern sich im Laufe von 50 Jahren die Themen und die Teams. Das Jubiläumsmotto des Diözesancaritasverbandes »Mit- Menschen für Menschen« wird auch für Ihren Aufgabenbereich in den nächsten Jahren Gültigkeit haben.
Der Einsatz der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe für Menschen, die mit Paarkonflikten oder Problemen mit der Verarbeitung von Trennung und Scheidung zu Ihnen kommen, stellt seit Jahrzehnten einen wichtigen Baustein im Gefüge der sozialen Beratungsstellen in unserer Stadt dar. Hierfür sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank. Ich wünsche Ihrem Förderkreis einen guten Start und einen möglichst großen ideellen und finanziellen Zuspruch, damit Sie auch in Zukunft Ihr fachlich anerkanntes Angebot weiter in vollem Umfang aufrecht erhalten können.
Karlsruhe, im August 2003
Michael Dietze, Evangelisches Dekanat Karlsruhe und DurlachDie Ehe-, Familien-, und Partnerschaftsberatung e.V. ist für mich
• kompetent durch die Mitarbeitenden,
• offen für die Vielschichtigkeit menschlicher Erfahrungen,
• partnerschaftlich im Umgang mit Ratsuchenden und Mitarbeitenden,
• verbindend/verbindlich für Träger und Menschen in Stadt und Region.
Seit 50 Jahren werden Menschen auf der Suche nach gelingendem Leben durch die Beratung in der ehrlichen und einladenden Weise angenommen, wie uns dies die Bibel vermittelt. Ich empfinde die erfolgreiche Arbeit als einen unverzichtbaren Knoten im psychosozialen Netz der Stadt Karlsruhe und darüber hinaus. Darum wünsche ich noch vielen Menschen die hilfreiche Erfahrung in einer Krise.
Rainer Fritz, Psychologische Ausbildungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Erzdiözese FreiburgDie Zeit spricht für sich: Ein halbes Jahrhundert, in dem die Beratungsstelle Paaren und Familien ihre Hilfe angeboten hat, in dem die Nachfrage deutlich gestiegen ist und die Qualität der Arbeit sich entwickeln konnte, in dem die Angebote der gesellschaftlichen Entwicklung und den Bedürfnissen der Ratsuchenden gerecht wurden, macht deutlich, dass hier mit großem Einsatz eine Beratungsstelle entstanden und gewachsen ist, die Tradition und Erfahrung hat, die sich gerade durch die eigene fachliche Weiterentwicklung einen guten Ruf erworben hat, die heute mehr denn je gebraucht wird und die in einer Stadt wie Karlsruhe nicht mehr wegzudenken ist.
Ganz herzlich grüße ich als Fachreferent und Leiter der Psychologischen Ausbildungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Erzdiözese Freiburg Leitung und Träger der Karlsruher Beratungsstelle sowie alle Kolleginnen und Kollegen und beglückwünsche Sie zum 50-jährigen Jubiläum.
Aus meiner fachlichen Verantwortung und meiner eigenen Beratungserfahrung schaue ich mit besonderem Respekt auf die anspruchsvolle und herausfordernde Arbeit der Beraterinnen und Berater und weiß von deren persönlichem Engagement für Menschen, die für die eigene Entwicklung und für ihre Partnerschaft Unterstützung suchen, nicht selten in zunächst ausweglos erscheinenden Situationen.Ich weiß um die Herausforderung durch quantitativ und qualitativ sich ständig erweiternde Anforderungen an die Fachlichkeit der Beraterinnen und Berater. Dankbar bin ich für die gute Zusammenarbeit zwischen den Fachstellen der evangelischen und katholischen Kirche und der Karlsruher Beratungsstelle. Diese findet im Alltag in vielfältiger Weise ihren Ausdruck: Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen, Mitwirkung in Stellenleiter-, Träger- und Beraterkonferenzen und in fachbezogenen Arbeitsgruppen, Beteiligung der Fachreferenten an Personalentscheidungen und in Mitgliedervertreterversammlungen des Trägervereins sowie gegenseitige Information und Konsultation.
Mit Dankbarkeit schaue ich auf den Trägerverein, in dem die katholische Kirche, die evangelische Kirche, die Stadt und weitere Vereine zum Wohle der Ratsuchenden zusammenarbeiten. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass sie in ihrer gemeinsamen Verantwortung gerade auch in Zeiten knapper Kassen weiterhin alles tun werden, um die Arbeit aufrechtzuerhalten und den Anforderungen entsprechend weiterzuentwickeln, denn gerade in Zeiten des Umbruchs wird die Beratungsstelle mehr denn je gebraucht, nicht zuletzt in einer Großstadt wie Karlsruhe.
Monsignore Emanuel Frey, Pfarrer i. R., ehemaliger Dekan von KarlsruheIm Jahr 1988 fand ich mich als Vorsitzender der katholischen Gesamtkirchengemeinde Karlsruhe im Trägerverein der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung ein. Mein Dienst endete im August 2000.
Ich freue mich, dass diese Beratungsstelle ihren 50. Geburtstag feiern darf. Viele einsichtige und hilfsbereite Frauen und Männer haben zu ihrer Gründung beigetragen.
Für mich kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung froh und dankbar bekennen: Die Gespräche im Trägerkreis der Nelkenstraße waren geprägt von inhaltlichen Zielvorstellungen der Beratungsarbeit. Dabei führten uns die Stellenleiterin Frau Lentz und ihr Stellvertreter Herr Horstmann in die vielseitigen Inanspruchnahmen der Angebote ein. Für uns war die Aus- und Weiterbildung unserer MitarbeiterInnen ein wichtiges Gesprächsthema. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass wir auch viel Zeit einbrachten, um die finanzielle Ausstattung der Beratungsstelle und die entsprechenden Beiträge der einzelnen Träger sachgerecht zu sichern. Dabei hatten wir in der langjährigen Vorsitzenden, Frau Dr. Haidinger, eine weitsichtige und geduldige Mahnerin, bei den Hilfeleistungen nicht zu kürzen. Wir suchten darüber hinaus auch nach Sponsoren, die wir immer wieder fanden. In allen Bereichen arbeitete ich immer wieder gerne mit.
Ich wünsche der Beratungsstelle weiter Mut zur Hilfe, Geduld mit den Hilfesuchenden und Unterstützung durch die Öffentlichkeit und die Träger.
Dr. Helmut Hark, Pfarrer i. R., ehemaliger Landesbeauftragter in der Badischen Landeskirche für Lebens-, Ehe- und ErziehungsfragenSehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!
1. Ratsuchende Menschen zu begleiten entspricht dem biblischen Gebot:
»Einer trage des anderen Last, dann werdet ihr das Gebot Christi erfüllen!«
2. Wenn die evangelische und die katholische Kirche einen Zuschuss zur therapeutischen Arbeit bezahlt, erfüllt sie damit den Auftrag Jesu:
»Verkündet das Evangelium und heilt Kranke!«Mit freundlichem Gruß
Dr. Helmut Hark
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Förderkreis
Das Jubiläum der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle ist – der gängigen Übung folgend – ein guter Anlass für Rückschau, Analyse und das Entwerfen von Zukunftsperspektiven. In diesem Rahmen nimmt der Förderkreis eine besondere Stellung ein: Er sammelt – im weitesten Sinne – Menschen, die das Anliegen der Beratungsstelle unterstützen und in den verschiedenen politischen und vorpolitischen sowie kirchlichen Kreisen vernetzen und präsent machen. Er bemüht sich aber auch – und dies in Zeiten knapper werdender öffentlicher Ressourcen – um eine materielle Absicherung, die durch die Ansprache von Einzelpersonen und Organisationen erreicht werden kann. In diesem Kontext wird der Förderkreis in den kommenden Jahren noch wichtiger werden: In unserer Zeit wird die Diskussion über Rolle und gesellschaftliche Funktion von Familien auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung zunehmend brisanter, gelingende Partnerschaften erhalten daneben in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft einen erhöhten Stellenwert. Der Förderkreis nimmt daher das Jubiläum zum Anlass, sich alten Anliegen auf neuen Wegen zu widmen: Verankerung der Beratungsstelle im öffentlichen Bewusstsein, um konkrete Hilfeleistungen für eine Institution auszulösen, die im gesamtgesellschaftlichen Interesse handelt.
Elke Schröder
Schirmherrin des Förderkreises, Mitglied des Stadtrats der Stadt KarlsruheDie Grundidee
Beratungsarbeit geschieht meist und sinnvollerweise im Stillen. Die knapper werdenden Mittel zwingen uns jedoch zu neuen, kreativen und unkonventionellen Konzepten, damit wir unser Angebot weiter aufrecht erhalten können. Das ist der Auslöser einen »Förderkreis« ins Leben zu rufen.Die Situation
Jede gute und wichtige Arbeit lebt von Menschen, die sie fördern und unterstützen. Das war nie so deutlich wie in dieser Zeit, in der die wirtschaftliche Lage trotz kirchlicher und öffentlicher Unterstützung das Beratungsangebot gefährdet.Die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe wird von einem gemeinnützigen Verein getragen, dessen Mitglieder Karlsruher Frauenverbände, die evangelische und katholische Kirche und die Stadt sind. Auch der Landkreis unterstützt uns. Sie bietet allen Ratsuchenden unabhängig von Kirchenzugehörigkeit oder finanzieller Lage ihre Hilfe an.
Bisher ist es uns gelungen, den Haushalt unserer Beratungsstelle über eine intensivere Beteiligung der Klienten an den Beratungskosten und mit Hilfe von Spenden auszugleichen. Dies reicht nicht mehr aus.
Wer kann mitmachen?
• Menschen, die gute Erfahrung mit unserer psychologischen Arbeit gemacht haben.
• Alle, denen unser spezielles Angebot in Karlsruhe und Umgebung wichtig ist.
• Alle, die sich für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Familien einsetzen.
• Alle, die eine Spende für ein konkretes professionelles Angebot in Karlsruhe geben möchten.Zielsetzung
Der Förderkreis soll einen Beitrag zur Unterstützung, Erhaltung und Weiterentwicklung des Beratungsangebots der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle leisten. Wir wünschen uns Menschen, die uns
• ideell mit Ideen, Anregungen für Veranstaltungen, Unterstützung der Anliegen der Beratungsstelle in kirchlichen und politischen Kreisen, Gesprächen mit Politikern u.s.w. und / oder
• finanziell (einmalige oder regelmäßige Spende) unterstützen. Den Umfang der Unterstützung kann jeder selbst festlegen.Wer zum Förderkreis gehört, erhält
• jährlich den Bericht der Beratungsstelle, und
• Informationen und Einladungen zu besonderen Anlässen (Veranstaltungen, Vorträgen, Seminaren etc.).Werden Sie Mitglied – jeder Beitrag hilft uns!
Unser Sekretariat schickt Ihnen gerne die Unterlagen zu.
Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle
Nelkenstraße 17, 76135 Karlsruhe
Tel. 0721 / 84 22 88 Fax 0721 / 85 60 51
Sparkasse Karlsruhe
Konto-Nr. 9 225 426
BLZ 660 501 01
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50 Jahre Eheberatung in Karlsruhe – eine Erfolgsstory
1 9 5 3 - 1 9 5 9
Personalia
Dr. Alice Haidinger
1. Vorsitzende des Trägervereins, anfangs auch Geschäftsführerin der »Arbeitsgemeinschaft zur
Förderung einer Vertrauensstelle für Verlobte und Eheleute in Karlsruhe«Dr. Lotte Paepcke
1951 erste Beraterin, StellenleiterinRenate Schulze,
1956 – 1963 Geschäftsführung und Stellenleitung der Vertrauensstelle für Verlobte und Eheleute – Eheberatungsstelle
Trümmerfrauen und Kriegsheimkehrer
suchen lebensnahen RatIn offenen Sprechstunden und Hausbesuchen versucht die Beratungsstelle zwischen den durch lange Trennung und unterschiedliche Lebenserfahrung entfremdeten Eheleuten zu vermitteln. Sie bietet auch konkrete Hilfestellung z.B. bei Problemen mit Behörden an. Die Volljährigkeitsgutachten machen einen wesentlichen Teil der Beratungsarbeit aus. Paare unter 21 durften nur heiraten, wenn das Vormundschaftsgericht seine Zustimmung gab. Das Gericht forderte Gutachten der Vertrauensstelle an. Für diese Leistung im Rahmen des Gesetzes wird die Beratungsstelle von der Stadt und dem Landkreis bezuschusst.
»Männer und Frauen sind gleichberechtigt.« (Grundgesetz, Art. 3)
Das Hauptverdienst daran, dass dieser Gleichberechtigungssatz überhaupt im Grundgesetz steht, gebührt Elisabeth Selbert. Sie hat 1949, nachdem sie ihn durchgesetzt hat, im Rundfunk erklärt:
Ein »... großer Tag; der Kampf ging über 50 Jahre. Ziel ist die vollständige familienrechtliche Gleichberechtigung (...).« Und dann heißt es im Grundgesetz von 1949, dass am 31. März 1953 alles entgegenstehende Recht außer Kraft tritt. In der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 1953 werden Gesetze benannt, die dem Art. 3 widersprechen, z.B. das einseitige Entscheidungsrecht des Ehemanns in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffende Angelegenheiten – Wohnort und Wohnung, Berufstätigkeit der Frau, Hausrecht (Bestimmung auch darüber, wen die Frau in der Wohnung empfangen kann), elterliche Gewalt beim Vater.
Änderungen traten aber erst viel später ein: Im Gesetz über die Gleichberechtigung 1957 wurde die Zugewinngemeinschaft als gesetzlicher Güterstand festgelegt; außerdem verfügte der Gesetzgeber die grundsätzliche Gleichstellung der Eltern, nur bei Nichteinigkeit galt der Stichentscheid zugunsten des Mannes. 1976 folgte das erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts.
Seit 1994 steht der Passus im Grundgesetz, dass der Staat die Durchsetzung der Gleichberechtigung in der Lebenswirklichkeit zu fördern hat!
»Was wird nach den Flitterwochen?« (BNN, 1957)
Seminare für Verlobte und Eheleute von 1957 bis 1965Den GründerInnen der Eheberatungsstelle lag die Eheerhaltung am Herzen. Die prophylaktische Arbeit spielte daher von Anfang an eine herausragende Rolle. Auch heute noch engagieren sich Frau Pils und Herr Beer-Bercher aus unserem Team im Rahmen von Eheseminaren der katholischen Kirche.
»Glück ohne Ruh, Liebe bist du!«
überschrieb 1956 der Diplompsychologe Ell Ernst seinen Kurs in der Volkshochschule, der sich an die reifere Jugend über 18 Jahre wenden sollte.
Einzelthemen:
• Liebe und Geschlechtlichkeit im Jugendalter
• Über die Wahl des Liebespartners
• Leibliche Liebesgemeinschaft vor der Ehe?
• Die Ehe als ganzmenschliche Hingabe
• Die Krisen der jungen und der alten Ehe
• Die Ehe als Grab des Glückes und der LiebeProgrammvorschau eines Verlobtenkurses bei der Beratungsstelle 1957:
14. März 1957 Was ist die Ehe? Th. Güss 21. März 1957 Fragen des geschlechtlichen Lebens Dr. Seemann 28. März 1957 Das Recht der Ehe und das Recht der Partner Dr. Scheffler 04. April 1957 Mann und Frau in Beruf und Ehe Frau Dr. Paepcke 11. April 1957 Haushalt, Heimgestaltung, Freizeit
Ihre Bedeutung für die eheliche Gemeinschaft
Frau Schneider
Andrea Klaas, Stellenleiterin seit 2002, spricht mit Dr. Alice Haidinger,
Mitbegründerin der Beratungsstelle und 49 Jahre 1. Vorsitzende des Trägervereins.Andrea Klaas:
Mich interessiert die Geschichte der Eheberatung in Karlsruhe. Sie hat unser Selbstverständnis geprägt und das spiegelt sich heute noch in unserem inhaltlichen Konzept und in der durchgehend weiblichen Besetzung der Leitungspositionen wider. Das Angebot »Beratung « hat auf tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen reagiert und sich entsprechend den neuesten Entwicklungen der Psychologie und Psychotherapie weiterentwickelt.Dr. Alice Haidinger:
Ich habe das letzte Mal anlässlich der Feier unseres 40-jährigen Bestehens erklärt, dass mir an unserer Geschichte wichtig ist, dass die Eheberatungsstelle in Karlsruhe durch die Initiative von Frauen entstanden ist. Die Tatsache, dass aus einem winzigen Pflänzchen ein stattlich breit ausladender Baum geworden ist, sollte Frauen weiter den Mut geben dort anzufangen, wo es Not tut.
Dr. Alice Haidinger (übergibt einen Stapel angestaubter Akten):
Ich mag das gar nicht mehr lesen. Da muss ich das noch ein zweites Mal durchleben. Immer belastete mich diese Unsicherheit mit dem Geld, das Gezittere am Ende des Jahres, ob es reicht. Ich musste dann überall tingeln.Andrea Klaas:
Vor dieser Situation stehen wir heute wieder. Wir verhandeln mit den Trägern, wir suchen Sponsoren, wir beantragen Mittel für Projekte.Dr. Alice Haidinger:
Sie werden in den Akten finden, was ich da ständig unternommen habe. 1/3 unserer Klientel kommt aus dem Landkreis. Um die Unterstützung durch das Landratsamt musste ich mich z.B. immer wieder neu bemühen. »Keinen Tausender mehr für die Verlobten- und Eheleutevertrauensstelle“, titelte die BNN am 25. Juni 1958.Andrea Klaas:
Auch heute ist es sehr schwer, Unterstützung in notwendiger Höhe von Stadt, Land und auch von den Kirchen zu erhalten. Es soll gespart werden.Dr. Alice Haidinger:
Ich habe z.B. den damaligen Bürgermeister von Ettlingen, Herrn Rimmelsbacher, um Unterstützung für unsere Arbeit gebeten. Er antwortete mir: »Warum lassen die Leute sich scheiden? Ich lebe gut mit meiner Frau. Ich sehe nicht ein, wozu man eine Eheberatung braucht.« Der BNN erklärte er: »Wo die Leute vernünftig sind, braucht man keine Eheberatung und nachher kein Flicken.«Andrea Klaas:
Wie kam es überhaupt zu einer Eheberatung in Karlsruhe?Dr. Alice Haidinger:
Der Anfang liegt Ende der vierziger Jahre. Die schwere Nachkriegszeit mit ihren Trümmern, Hunger und Flüchtlingen brachte auch viele Ehekrisen. Frauen waren gewohnt gewesen, ihre Familien alleine durchzubringen und waren selbstständig geworden, als ihre Männer aus Krieg und Kriegsgefangenschaft zurückkehrten. Männer waren oft durch Arbeitslosigkeit, Entwurzelung oder Verwundung in die ungewohnte Rolle des Schwächeren geraten. Nach der Währungsreform, die zunächst knappes Geld bedeutete, kam es auch häufig zu Auseinandersetzungen über das Haushaltsgeld, die Verwaltung des Mangels. Männer versuchten, über die Zuteilung des Geldes wieder Macht auszuüben. Der Frauenring, eine überparteiliche Frauengruppe, sah die Notwendigkeit einer Eheberatung in Karlsruhe. Frau Lotte Paepcke wurde gebeten, einfach anzufangen. Sie tat dies einmal in der Woche abends ehrenamtlich an einem alten Holztisch in einem Kindergarten.Andrea Klaas:
Frau Paepcke war Juristin und hatte Erfahrung in Psychotherapie. Sicher sah die Beratung damals anders aus als heute. Ich stelle mir vor, dass sie die Frauen eher lebensnah und praktisch beriet, in einer Mischung von dem, was wir heute soziale und psychologische Beratung nennen würden.Dr. Alice Haidinger:
Ja, so könnte man das beschreiben.Andrea Klaas:
Warum war es notwendig, eine Arbeitsgemeinschaft zur Förderung einer Vertrauensstelle zu gründen?Dr. Alice Haidinger:
Die Beratung benötigte, auch finanziell, einen größeren Rahmen. Wieder ergriffen die Frauen die Initiative. Ich hatte inzwischen den »Club berufstätiger Frauen« in Karlsruhe mitbegründet und war so eine gute Partnerin für die Frauen der überparteilichen Frauengruppe, Frau Großbendt und Fräulein Rieger, geworden. Die evangelischen Frauen, vertreten durch Frau Hilde Schneider, beteiligten sich ebenfalls an der Initiative. Später kam noch der Hausfrauenbund dazu.Andrea Klaas:
Woher wussten Sie damals von professioneller Eheberatung?
Dr. Alice Haidinger:
Aus meiner Hamburger Zeit. »Tscha, junges Fräulein, Sie ahnen ja nicht, was für ein Martyrium die Ehe ist!«, gab mir ein Scheidungswilliger bei einem Sühneversuch zu bedenken. Ich arbeitete damals als Referendarin am Hamburger Landgericht. Bis zur Einführungdes neuen Scheidungsgesetzes war ein solches Versöhnungsgespräch Voraussetzung für eine Scheidung. Mein Mann, der damals Landgerichtsdirektor in Hamburg war, erkannte nach dieser Erfahrung, dass Richter und vor allem Referendare nicht geeignet waren, Sühnetermine durchzuführen. Er beauftragte dann die Beratungsstelle der DAJEB (Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung) in Hamburg diese Aufgabe zu übernehmen. Daher wussten wir, was eine professionelle Beratung bewirken kann. Als ich getreu dem damaligen Eherecht meinem Mann, der einer der ersten Bundesrichter wurde, nach Karlsruhe folgte, und wir von der »Mini-Eheberatungsstelle« hörten, kamen wir auf die Idee, in einer Großveranstaltung in der damaligen TH die Notwendigkeit der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Eheberatung in Karlsruhe darzustellen. Da ein Bundesrichter die flammende Rede hielt – ich musste aufs Podium um ihn zu stoppen – waren die maßgebenden Herren zur Mitarbeit bereit, so dass es zur Gründung des Trägervereins kam (Eintrag im Vereinsregister Nr. VR 46 am 28. 4. 1953). Die männlichen Mitgliedervertreter verpflichteten sich im Namen ihrer Institutionen zu einer regelmäßigen Bezuschussung, die Frauen zu einer Mitarbeit in der Geschäftsführung. Wir fanden einen bescheidenen eigenen Raum mit Wartezimmer (Blumenstraße 11, zwei kleine Zimmer mit Ofenheizung und Möbeln vom Sozialamt). Wir suchten weitere Beraterinnen und später auch männliche Berater, alle auf Basis einer Aufwandsentschädigung. Mehr konnten wir uns mit unserem Mini-Etat nicht leisten. Ich erinnere mich an 600 DM im ersten Jahr, und damit haben wir ungefähr 500 Beratungen finanziert – rund 1 DM pro Beratung!
Andrea Klaas:
Ich stelle mir den Anfang nicht nur aus finanziellen Gründen schwierig vor. Jetzt gab es eine Eheberatungsstelle, aber noch keine diplomierte Eheberaterin in Karlsruhe!
Dr. Alice Haidinger:
Die ersten Beraterinnen und Berater kamen aus verschiedenen Grundberufen, es gab eine Juristin, eine Medizinerin, eine Volkswirtin und einen Bundesrichter a.D. Ihnen gemeinsam war soziale und psychologische Erfahrung, ein großes Engagement und die Bereitschaft, Fortbildungen in ganz Deutschland zu besuchen und aktiv an Kongressen teilzunehmen. In den evangelischen Akademien wurde intensiv an Konzepten für die Braut- und Eheleute-Kurse gearbeitet.
Andrea Klaas:
Dazu habe ich in den alten Akten einen Brief gefunden. Am 6.10.1961 schrieb der Sozialreferent der Evangelischen Landeskirche Baden: »Sie haben an unserer 2. Arbeitstagung in Herrenalb teilgenommen und unsere Einsichten und Erkenntnisse durch eine Fülle wertvoller Meinungsäußerungen und persönlicher Gespräche von Mensch zu Mensch bereichert. Im Auftrag der Landeskirche darf ich Ihnen noch einmal herzlich dafür danken, daß Sie sich diese Zeit Ihrer Anwesenheit in Herrenalb von Ihrer Berufsarbeit und Ihrem häuslichen Leben abgespart haben. Wir wissen diesen Dienst sehr zu würdigen.«
Mich interessiert noch, wie die Vertrauensstelle gearbeitet hat.
Dr. Alice Haidinger:
Das »multiprofessionelle Team« beriet juristisch, sozial, wirtschaftlich und psychologisch, d.h. lebensnah. Anfangs machten wir noch Hausbesuche, um uns ein Bild von der Situation der Familie zu machen. Oft war es auch die Aufgabe der Beratungsstelle zu prüfen, ob eine Berufstätigkeit der Frau notwendig und anzuraten ist – es ging dabei um Fragen der Gleichberechtigung oder, wie man das damals formulierte, um die falsch verstandene Einstellung zur Gleichberechtigung. Oft wurde auch der Kontakt zum Arbeitsamt hergestellt. Wir halfen wohnungssuchenden Familien durch unsere Vermittlungstätigkeit beim städtischen Wohnungsamt. Die Beratungsstelle war außerdem im intensiven Kontakt mit Polizistinnen, dem Fürsorgeamt und der Trinkerfürsorgestelle.Andrea Klaas:
Wenn ich die Statistik in den siebziger Jahren betrachte, sehe ich dramatische Veränderungen: 1970 finde ich erstmalig Gruppenberatung. Die Zahl der Beratungsstunden hat sich mehr als verdoppelt, obwohl die Gutachten, ein beträchtlicher Teil der Arbeit, wegfallen. Wie erklären Sie sich das?
Dr. Alice Haidinger:
Der Anstieg der Beratungsstunden spiegelt natürlich unsere verbesserte finanzielle und damit auch personelle Ausstattung wieder. Von Anfang an habe ich mich bemüht, auch die katholische Kirche als Mitglied für unsere Arbeitsgemeinschaft zu gewinnen. Aber sie misstraute unserer Einstellung zur Ehe. »Die Eheberatungsstelle berät sicher im christlichen Sinne!« So überzeugte Toni Menzinger, engagierte Katholikin und Politikerin, endlich Dekan Dr. Füssinger, der im Auftrag des erzbischöflichen Ordinariats eine katholische Beratungsstelle in Karlsruhe gründen sollte.
Andrea Klaas:
Hat die Ökumene diesen Aufschwung bewirkt?
Dr. Alice Haidinger:
Beide Kirchen engagierten sich ab da – nicht nur finanziell – verstärkt. Sie haben uns auch sonst in jeder Weise unterstützt. Und das war für unser Bestehen dringend nötig. Die Beratungsstelle war in der Anfangszeit den anderen voraus und fachlich führend. Aber inzwischen gab es in anderen Städten kirchliche Beratungsstellen, die finanziell viel besser ausgestattet waren als wir. Jetzt endlich konnten wir eine Psychologin, Frau Brunotte, halbtags als Leiterin fest anstellen. Zudem sorgte die evangelische Kirche auch noch für unsere Verwaltungsstruktur. Der erste Schatzmeister, der Ordnung in unsere Finanzen brachte, war Herr Speck vom Diakonischen Werk. Er fing zusammen mit Frau Brunotte an.
Andrea Klaas:
Frau Dr. Haidinger vielen Dank für diesen spannenden Rückblick auf die Anfänge der Beratungsstelle!
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Personalia
Dr. Alice Haidinger,
1. Vorsitzende
Renate Schulze, 1956 – 1963
Geschäftsführung und Stellenleitung
Sitta Michael, 1963 – 1969
Stellenleiterin, die erste im EZI (Evangelisches Zentralinstitut) ausgebildete Eheberaterin
1969 Umzug der Vertrauensstelle in die Werderstraße 63
Erika-Ruth Brunotte,
1969 – 1971 Stellenleiterin
Paarbeziehungen werden wieder
nach altem Muster gelebt1966 Anerkennung der Karlsruher »Vertrauensstelle« als Eheberatungsstelle nach den von den Dachorganisationen neu beschlossenen Richtlinien:
• mindestens 3 MitarbeiterInnen aus akademisch-sozialpädagogisch- therapeutischen Berufen.
• Teilnahme jedes Mitarbeiters an speziellen Ausbildungslehrgängen für EheberaterInnen.
In den Jahresberichten finden sich keine Hinweise mehr auf Hausbesuche und praktische Unterstützung.
Die Verhältnisse haben sich wieder »konsolidiert«, die Männer arbeiten und die Frauen sind für Kinder und Haushalt zuständig.
Konflikte sind Untreue, hauptsächlich des Mannes, Probleme mit den Schwiegereltern, zunehmend sexuelle Schwierigkeiten, männliche Gewalt, Alkohol und Krankheit. Die Berater und Beraterinnen setzen sich mit den Möglichkeiten psychologischer Beratung auseinander.Wesentliche Impulse für die Arbeit bezieht das Team der Vertrauensstelle aus Kontakten mit anderen Eheberatungsstellen: Es gibt einen lebhaften Briefwechsel mit Israel, Besuche in den Niederlanden und in Schweden und natürlich auch bei anderen deutschen Beratungsstellen.
Auf der Suche nach neuen
Methoden für die BeratungsarbeitAuszug aus dem Bericht einer hiesigen Eheberaterin über einen Besuch bei der experimentierfreudigen evangelischen Beratungsstelle in Düsseldorf 1961
»Besonders eindrucksvoll war das, wie Herr Hoppe (Leiter der Düsseldorfer Beratungsstelle; Anm. der Red.) es nannte, Aggressionszimmer, in dem ein Tisch für Pingpongspiele, ein langer Wasserschlauch, ein großer Behälter mit Lehm standen. Zweck: die jungen Leute, die ihre Aggressionsgefühle loswerden sollen, dürfen hier Lehm an die abwaschbaren Wände werfen, mit Wasser spritzen und die Wände bemalen, so viel sie wollen.«
»Wir streiten nur hier so, zu Hause geht es gut.«
(Junges Paar in der Beratungsstelle, 1967)Eine reich an vielfältigen Erfahrungen gefüllte Zeit
Erika-Ruth Brunotte,
Stellenleiterin von 1969 bis 1971, berichtet:»Vor mehr als 30 Jahren hatte mich bei einem festlichen Essen meine Nachbarin zur Rechten prüfend angeschaut und gefragt:
»Sie sind Psychologin? Können Sie sich vorstellen, bei der Eheberatung zu arbeiten?« (...)
Wie lange und wie weit meine kritische Selbstprüfung ging – ich erinnere mich nicht mehr. Entscheidend für das Ja war das Vertrauen, das mir die 3 Eheberaterinnen – Frau Michael, Frau Raiser, Frau Kutscher – entgegenbrachten. Und ihr Wunsch, Gelegenheit zum intensiven Überdenken der Arbeit zu haben.
Dass wir uns viel Zeit für unsere Konferenzen nahmen, schmiedete uns als Team zusammen. Der Verdacht, Fachlichkeit sollte ab jetzt die Beratungspraxis von Aktivistinnen des guten Herzens ablösen, erwies sich angesichts der Erfahrung und Reflektiertheit, die ich bei ihnen kennenlernte, als unbegründet. « (...)
Die Anforderungen an die BeraterInnen blieben dieselben:
»Zur Eheberatung kommen unverlesen alle! Auf was alles müssen sich Berater einstellen:
Auf den jungen Ehemann, der in höchste Erregung gerät, wenn ihm seine Frau den Rücken zudreht, ebenso wie auf die Frau, die nicht überwinden kann, dass ihr Mann nach der Hochzeit nicht mehr um sie wirbt. Von der zeitlich begrenzten Krise bis zur mehr oder minder schweren seelischen Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung, die auf der Beziehung lastet, auf alles muss der Eheberater gefasst sein.
Wir haben damals in unserem begrenzten Rahmen noch keine Supervision gehabt, aber Intervision geübt und, wo immer angeboten, an Fortbildungen teilgenommen.
Begrenzter Rahmen: Das galt auch für die Räumlichkeiten. 1969 war der Umzug von der Blumenstraße in ein (hässliches) Hinterhaus in der Werderstraße. Aber welche Erleichterung, dass nun Beratungen gleichzeitig in 3 Räumen stattfinden konnten. Und welche Freude, als wir 1971 in die große, schön gelegene Wohnung in der Nelkenstraße 17 einziehen konnten. Damit war erstmalig Arbeit in Gruppen möglich. Und wir konnten mehr Mitarbeiter für die stetig wachsende Zahl von Ratsuchenden einstellen.Als ich mich jetzt fragte, wie lange ich damals die Eheberatungsstelle geleitet habe, waren es zu meiner Überraschung nur etwas über 2 Jahre. Das passte überhaupt nicht zu meinen Erinnerungsbildern an eine reich mit vielfältigen Erfahrungen gefüllte Zeit.
Eine solche Begegnung: (...) Die Erinnerung an ein junges Paar, das sich schlimme Dinge an den Kopf warf, so dass ich nichts mehr auf die Ehe gab. Nach einer stürmischen Sitzung, ich habe mich wahrscheinlich besorgt erkundigt, sagten sie gelassen: »Wir streiten nur hier so, zu Hause geht es gut.«
Unvergesslich der gravitätisch auftretende Südbadener im feierlichen schwarzen Anzug, dessen alemannischer Dialekt mich entzückt hinauslachen ließ. Er sagte, er wolle sich von seiner Frau trennen, ausführlich schilderte er, weshalb. Und ehe er das täte, wolle er von uns eine neue Frau vermittelt bekommen, die besser zu ihm passte. Fast bedauerte ich ihn enttäuschen zu müssen.
In manchen Zeiten lebt der Mensch intensiver. So war das damals für mich. Eine bessere Aussteuer für meine an die Karlsruher Zeit anschließende Arbeit hätte ich nicht mitbekommen können, als ich in Celle eine neue Eheberatungsstelle aufbaute.«
Das ideale Brautpaar – sind Sie ehetauglich?Volljährigkeitsgutachten vom Anfang der fünfziger Jahre bis 1973
Im Jahr 1975 wurde das Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Bis dahin galt, dass junge Leute, die noch nicht volljährig waren, zum Heiraten eine Genehmigung des Vormundschaftsgerichts benötigten. Dieses ließ sich vom Fürsorgeamt beraten und forderte in der Regel auch ein Gutachten der Eheberatungsstelle an.
Über die Gutachten ergab sich für die Beratungsstelle die Möglichkeit zu einer engen Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Landkreis und auch zu einer präventiven Tätigkeit. 1963 wurden Fragebogen ausgearbeitet, die auch heute noch interessant sein könnten: Diese Fragebögen wurden von beiden Partnern getrennt ausgefüllt, davor und danach gab es Gespräche mit EheberaterInnen.
Fragen:
- a) Welche Filme haben Sie in letzter Zeit gesehen? Bitte geben Sie 2 oder 3 Titel an.
b) Welche Filme sehen Sie selbst besonders gerne?
c) In welche Filme geht Ihre Partnerin, Ihr Partner besonders gerne?
- Die zweite Frage ist schwierig, aber auch besonders wichtig:
Schreiben Sie nun bitte die wichtigsten inneren und äußeren Ereignisse aus dem Leben Ihrer, Ihres Verlobten auf.
a) Welche Menschen – außer Ihnen – waren ihr, ihm besonders lieb?
b) Was hat ihr, ihm besonders viel Freude gemacht? Und was war für sie, ihn besonders traurig?
c) Hatte Ihre Verlobte, Ihr Verlobter als Kind in der Schulzeit viele Freunde oder war sie, er lieber für sich allein?
d) Was machte ihr Partner bevor Sie sich kennenlernten, besonders gerne am Feierabend und in der Freizeit?
- Anschließend schreiben Sie bitte auf:
a) Was Sie bereits alles für Ihre Ehe besitzen?
b) Wenn Sie einen Betrag von 500 DM hätten, was würden Sie sich kaufen?
c) Wieviel Haushaltsgeld müsste Ihrer Meinung nach für Ihre Hauswirtschaft der Frau zu Verfügung stehen?
d) Welches sind die Hauptziele in Ihrer Ehe und für die nächste Zukunft?
- Wodurch entstehen Ihrer Meinung nach die häufigsten Schwierigkeiten in der Ehe?
- Wie stellen Sie sich ein schönes Wochenende vor?
- Bitte stellen Sie einen genauen Haushaltsplan für eine Familie mit 2 Kindern auf.
- Schreiben Sie bitte einmal freimütig auf, welche persönlichen Eigenschaften Sie Ihrer Meinung nach besitzen, die wohl Ihrer Partnerin, Ihrem Partner in der Ehe Schwierigkeiten bereiten könnten.
- Gibt es auch bei Ihrer Verlobten, Ihrem Verlobten Charaktereigenschaften, die Ihnen in der Ehe Schwierigkeiten bereiten könnten?
- Jetzt schreiben Sie bitte aus Ihrem Leben die wichtigsten inneren und äußeren Ereignisse auf.
- Wie stellen Sie sich Ihr Zusammenleben vor?
»Wie stellen Sie sich Ihr Zusammenleben vor?«
(10. Frage des »Ehetauglich?«-Fragebogens, 1963)
Ein junger Mann schreibt dazu:
»Ich stelle mir mein Zusammenleben so vor. Wenn ich heute verheiratet bin, arbeitet meine Frau, bis sie ihre Wochen (gemeint ist der Beginn einer Schwangerschaft; Anm. der Red.) macht. Dann, wenn dies alles vorbei ist, bleibt meine Schwiegermutter zuhause, und meine Frau geht wieder arbeiten. Ich muß keine Miete bezahlen, und das sind schon einige Mark, die mir wieder sparen können. Und ich meine, daß ich mit meiner Frau gut auskomme. Und wenn mir so viel gespart haben, daß wir alles holen, was zu einem heutigen Haushalt gehört, dann bleibt meine Frau zuhause, und ich gehe allein arbeiten.«Eine junge Frau schreibt zu Frage 2 des Fragebogens:
»Er hat mir erzählt daß er aus der Ostzohne kommt, aus Berlin, und sie mit sehr großen Schwierigkeiten aus Berlin geflüchtet sind. Er und sein Bruder waren damals noch sehr klein. Der 2. Vater von ihm hatte eine Wohnung von der Arbeit bekommen. Sie sollte unmöglich aussehen. Kein Herd und kein warmes Wasser und kein Bett. Sie hatten einen sehr schweren Anfang. Er ist sehr hilfsbereit und hilft jedem, wo er kann. Zuhause bei seiner Mutter, wenn sie einkaufen gehen, geht er mit seiner Mutter und hilft ihr die Taschen tragen (...). Wenn wir nach Freiburg zu meinen Eltern kommen, da herrscht jedes Mal die schönste Stimmung im Haus. (...). Er ist von meiner Schwester jedes Mal der Spielkamerad. Alle Sorgen, was sie hat und nicht der Mama sagen möchte, sagt sie ihm alles.«
Ein Gutachten aus dem Jahr 1973
(eines der letzten, seit 1970 werden an der Beratungsstelle fast keine Gutachten mehr erstellt)»Am 16. September haben sich bei mir Herr Gundolf* und Frl. Hofmann* vorgestellt.
Wir haben uns über ihre Vorstellungen von der Ehe unterhalten, wobei Herr Gundolf relativ klare Vorstellungen und Pläne hat und auch in der Lage zu sein scheint sie durchzuführen. Seine Bindung an Frl. Hofmann ist intensiv und väterlich-fürsorglich. Von seiner Stabilität wird in Zukunft die Ehe getragen werden.
Frl. Hofmann ist noch recht kindlich und unbedarft und bekommt die notwendige Zuwendung durch ihren Verlobten. Sie scheint im Haushalt tüchtig zu sein und diese Arbeiten auch sehr gerne zu verrichten.
Es sieht so aus, als ob Herr Gundolf Frl. Hofmann die Stabilität und Geborgenheit geben könnte, die sie braucht um nachzureifen und sich zur Erwachsenen zu entwickeln. Wichtig ist, daß Kinder für die nächsten 3 bis 4 Jahre nicht geplant sind.
Es erscheint mir nicht sehr sinnvoll, diese Ehe zu verhindern, da die jungen Leute de facto doch zusammenleben. Der Außendruck der Nicht-Genehmigung der Ehe könnte eher zu einer Trotzbildung führen...«
* Alle Namen sind geändert.
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1 9 7 0 - 1 9 7 9
PersonaliaDr. Alice Haidinger,
1. Vorsitzende
Erika-Ruth Brunotte,
1969 – 1971 Stellenleiterin
Marina Lentz,
1971 – 2001 Stellenleiterin
1971 Umzug in die Nelkenstraße 17
Seit dem 5.11.1970 gehört die katholische Kirche
dem Trägerverein an.
Die Hausfrauen rebellieren
Mit Erika-Ruth Brunotte kommt erstmals eine jüngere und trotzdem bereits erfahrene Diplompsychologin als Leiterin an die Beratungsstelle. Klinische Psychologie und Eheberatungspraxis ergänzen sich. Die Nachfolgerin Marina Lentz ist ebenfalls Diplompsychologin und arbeitetweiter daran, die Beratungsstelle als psychologische Beratungsstelle zu profilieren.
1974 erscheint in der Statistik erstmals unter »soziale Struktur« die Rubrik »Hausfrauen« mit 37 % der Klientel. Bis 1984 sinkt dieser Prozentsatz sehr langsam auf 25 bis 28 %. Die Unzufriedenheit dieser Klientinnen beschäftigt die BeraterInnen und führt 1979 zur Gründung der »Hausfrauengruppe «.
Der Aufschwung kommt mit der ÖkumeneDie »Würzburger Synode«
Die katholische Kirche tritt dem Trägerverein bei. Bereits in den sechziger Jahren wurden beim 2. Vatikanischen Konzil die Fenster in der katholischen Kirche weit geöffnet. Die »Würzburger Synode « stellt in den siebziger Jahren die Weichen für die Ökumene in Deutschland. Im Arbeitspapier »Not der Gegenwart« (Seite 149) wird der Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche in der caritativen Arbeit eine große Bedeutung beigemessen:
»Heute jedoch stellt sich die Forderung nach Zusammenarbeit der Kirchen im Dienst am Nächsten immer drängender. (...) Unbeschadet der konfessionellen Unterscheidung und der Schwierigkeiten, die jeder Versuch gemeinsamer Organisation bedeutet, ist eine ständige sorgfältige Prüfung aller sozialer Dienste auf die Möglichkeit ihrer ökumenischen Weiterführung ein Gebot der Stunde (vgl. den Beschluss »Ökumene«, Bd. I, S. 800 ff.). Neue Formen der Kooperation entstehen im Bereich der Beratungsdienste (...).«
Fachliche Weiterentwicklung der BeratungsarbeitAb 1970 entfallen die Volljährigkeitsgutachten und gleichzeitig erscheint Gruppenberatung als neues Angebot. Das kann nicht nur mit der Herabsetzung des Alters der Volljährigkeit erklärt werden. Offensichtlich hat sich das Konzept der Beratungsstelle inzwischen geändert. 1957 beschreibt Renate Schulze (Leiterin 1956 –1963) das Beratungsziel noch als menschlich-soziale Hilfe, basierend auf einer persönlichen Beziehung. Erika-Ruth Brunotte (1969 – 1971) führt Grupppenarbeit als wirksame Methode ein. Marina Lentz (Leiterin 1971 – 2001) wird diesen Bereich noch weiter ausbauen. Seit Anfang der sechziger Jahre wird aus der Vertrauenstelle eine psychologische Beratungsstelle. Das zeigt sich auch in der Entwicklung von internen Besprechungen im Jahr 1963 zu kollegialer und schließlich regelmäßiger Supervision durch externe SupervisorInnen. »Was würde da unser Cheftherapeut tun?«, überlegte der erste Supervisor Helmut Hark in schwierigen Fällen. Er entwirrte Situationen gerne anhand von biblischen Geschichten, Träumen etc.
Ab 1974 finden dann regelmäßig Sitzungen mit externen SupervisorInnen statt. »Was muss ich tun, damit sie mich nicht als Supervisor nehmen?« Fritz B. Simon, systemisch arbeitender Supervisor, beginnt seine Probesupervision mit einer paradoxen Intervention. Mit ihm werden neue fachliche Akzente gesetzt. Hilfreich für das Team ist Supervision aus verschiedenen Fachrichtungen, der Blick von unterschiedlichen Standpunkten auf schwierige Fälle.
Stellvertretend für unsere heute Aktiven schreibt Tilmann Moser weiter unten in dem Kapitel »Supervisoren begleiten unsere Arbeit«.
»Neues Scheidungsprinzip: Zerrüttung statt Schuld«
Auf dem Weg zur Gleichberechtigung: Gesetzänderungen für Ehe und Familie
(1. Eherechtsreform 1976)Holprig verlief der Weg zur Gleichberechtigung in der Berufsausübung. Anfangs ist die Frau verpflichtet, das gemeinsame Hauswesen zu leiten. 1957 hielt es der Gesetzgeber für ausreichend hinzuzufügen, dass die Frau erwerbstätig sein darf, wenn das mit den häuslichen Pflichten vereinbar ist. Erst 1976 entfällt das Leitbild der Hausfrauenehe.
Auch die Gleichberechtigung in der Kindererziehung war nicht selbstverständlich. Ursprünglich lagen natürlich gut patriarchalisch alle Rechte beim Vater. 1957 hieß es: Alle Rechte üben sie gemeinsam aus, aber im Streitfall liegt der Stichentscheid beim Vater. Durch Entscheidung des Verfassungsgerichts wird hier Gleichberechtigung hergestellt. Der Wegfall des Schuldprinzips bei Scheidungen im 1. Eherechtsreformgesetz vom 14.06.1976 wirkt sich auf Unterhalts- und Sorgerechtsregelungen aus.
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1 9 8 0 - 1 9 8 9
PersonaliaDr. Alice Haidinger,
1. Vorsitzende
Marina Lentz,
1971 – 2001 StellenleiterinChristoph Horstmann
1980-1993 stellvertretender LeiterDie Wohnung im Erdgeschoss
der Nelkenstraße 17 konnte
zusätzlich gemietet werden.
Neu entdeckt:
Der Mann in der Beratung
– Beratung in Gruppen1980 – 1989: Der bewegte Mann
In dem Solo-Stück »Caveman – du sammeln, ich jagen« von Rob Becker, das zur Zeit (2003) von New York bis Berlin das Publikum begeistert, geht es um das Mit- und Gegeneinander beider Geschlechter. Treffend beschreibt der Autor, was das Verhältnis zwischen Mann und Frau charakterisiert: Seiner Meinung nach sind die 80er Jahre das Jahrzehnt, in dem der Mann sich ständig zu entschuldigen hatte. Hielt er der Frau die Tür auf, so musste er auf den schnippischen Kommentar gefasst sein: »Danke, das kann ich schon selbst«. Hielt er der Frau die Tür nicht auf, musste er sich möglicherweise den Vorwurf gefallen lassen: »Ach, haben wir
da nicht etwas verlernt?« In beiden Fällen blieb dem Mann nichts anderes übrig als ein verdutztes »Entschuldigung« zu stammeln.
In den 80er Jahren beginnen die Männer sich mit ihrer Identität und ihrem Rollenverständnis auseinander zu setzen. In dieses Jahrzehnt fallen Doris Dörries Film »Männer« (auch die Frauen reflektieren über das Selbstverständnis der Männer?!) und Herbert Grönemeyers gleichnamiger Song. In der Beratungsstelle zeichnet sich dieses Thema bereits einige Jahre früher ab. So ist im Jahresbericht von 1979 zu lesen: »Das Jahr des Kindes, das Jahr der Frau ist noch in unserem Bewusstsein. Wer spricht von den Problemen der Männer? Versteht man ihre Sorgen und Ängste? Wie sehen sie aus der Sicht des Beraters aus? Schon in dieser Frage
zeigt sich das eigentlich männliche Problem: Die Schwierigkeit des Mannes besteht darin nicht
leiden zu dürfen, sowie das Eingeständnis von Schwäche vermeiden ja sogar ablehnen zu müssen (siehe H.E. Richter in: »Lernziel Solidarität«). Doch unter Männern, die die Beratungsstelle aufsuchen, sind neben denen, die »ihre Frau zur Reparatur abgeben«, zunehmend mehr, die sich ihrer eigenen Nöte und Probleme bewusst werden oder bewusst werden möchten und außerdem bereit sind, darüber zu sprechen und nach Veränderungen zu suchen.«
Das männliche Rollenverständnis gerät in Bewegung. Der »Softie« der 70er Jahre ist out, bevor er überhaupt zu einer gesellschaftlich relevanten Größe geworden ist. Ein neues Männerbild ist noch nicht in Sicht. Es entstehen diffuse und widersprüchliche Charaktere. Prototyp des zwischen Melancholie und Machismo schwankenden Mannes ist der leidende und gewalttätige Tatort-Kommissar Schimanski, alias Götz George. Auch die Politik in Bonn bietet eine Bühne für Männer, die Entschlossenheit und Führungskraft demonstrieren müssen. General Kießling wird ob seiner vermeintlichen homosexuellen Neigung vom Verteidigungsminister in den vorzeitigen
Ruhestand versetzt. Homosexualität gilt als Sicherheitsrisiko. Nach zähen Verhandlungen muss
Minister Wörner den General ehrenvoll und mit großem Zapfenstreich verabschieden.
Die Beratungsstelle ist am Puls der Zeit, wie der Jahresbericht von 1979 zeigt: »Allerdings, durch Rollenvorschriften an das vorherrschende männliche Ideal von Aktivität, Stärke und Dominanz gebunden, fällt es dem Mann auch weiterhin schwer, seine Ohnmacht überhaupt zu merken, geschweige sie zum Ausdruck zu bringen. Noch vor einiger Zeit versuchte er dieses Dilemma in der Hauptsache durch forciertes Auftreten und durch andere Verhaltensweisen
dieser falsch verstandenen Männlichkeit zu lösen. Das brachte ihn in die Rolle des Patriarchen, in der er aber zunehmend verunsichert und angegriffen wurde.«
Die achtziger Jahre: In der Beratungsstelle gewinnen Männer an Bedeutung, als Klienten und als Mitarbeiter.
Gruppen sind so etwas wie eine erweiterte Familie
Marina Lentz (Leiterin 1971 – 2001) erinnert sich»Gruppen sind effektiver. Ich habe seit Beginn meiner Tätigkeit in der Eheberatungsstelle mit Gruppen gearbeitet und das Angebot an Gruppenstunden und -vielfalt besonders in den achtziger Jahren erheblich erweitert. Anfangs Frauengruppen, später gemischte Gruppen, Christoph Horstmann initiierte die therapeutische Gruppe. Die (Haus)-Frauengruppe mit Kleinkinderbetreuung läuft seit 24 Jahren ohne Unterbrechung. Die Männergruppe, die Gestaltungs-Gruppe, die Balintgruppe und ausnahmsweise auch themenbezogene Gruppen öffneten die Gruppenarbeit für die verschiedenen Bedürfnisse der Klientel.
»Wir sind ja alle in derselben Situation«, dieses Gefühl unterscheidet Gruppenarbeit deutlich
von Einzelberatung. Freundschaften entstanden. Die Solidarität war groß. Wir redeten uns mit
dem vertrauten »Du« an. Als Therapeutin war ich eine »prima inter pares«, ich war auch Gruppenmitglied. In diesem Modell der Gleichwertigkeit konnte ich die Nähe der Gruppenmitglieder spüren. Im Gegensatz zur Einzel- und Paarberatung genoss ich die
Umarmung bei der Begrüßung ebenso wie die körperliche Nähe bei den Rollenspielen. Ich hatte
wie die anderen das Gefühl, angenommen zu sein. Von heute aus gesehen war das der Beginn der Arbeit mit der Gruppendynamik: ein Aufbruch in unbekannte Möglichkeiten und Freiheiten, die inzwischen durch die Realitätgeerdet sind.
Aber diese Gruppen brachten uns 1988 auch in eine prekäre Situation: Die Hausmitbewohner, irritiert von der hörbar guten Stimmung an den Gruppenabenden, wandten sich entrüstet an unsere Träger und erklärten unsere Arbeit als nicht seriös. Ich habe daraufhin alle Träger und Frau Dr. Haidinger eingeladen. Wir spielten eine Sitzung mit den damals üblichen Gruppenspielen durch: der heiße Stuhl, jeder sagt jedem etwas Gutes und etwas Häßliches.
Da geht es um »Sich Öffnen«, um Konfrontation, aber auch um Zeigen und Zulassen von
Zuneigung und Nähe. Diese Spiele wirkten so verbindend, weil das damals in der Gesellschaft
alles so nicht möglich war, viele Themen waren noch tabuisiert.
»So was haben wir früher im Heustadl gemacht!«, meinte Dekan Dr. Füssinger. Beide Kirchen und die Stadt erklärten die Arbeit für richtig, gut und zeitgemäß – ein enormer Freiraum! Ich konnte in Zukunft darauf vertrauen, dass meine Entscheidungen von unseren Tägern mitgetragen werden. Unter diesem Vorzeichen habe ich Anfang der neunziger Jahre die
Mediation eingeführt.«
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PersonaliaDr. Alice Haidinger,
1951 – 1999 1. Vorsitzende
Britta Auer,
1999 bis heute 1. Vorsitzende
Der Tradition entsprechend arbeitet sie für uns ehrenamtlich
und vertritt in dem Trägerverein den BPW (Business and
Professional Women, früher Club berufstätiger Frauen)
»Wir wollen alles fair miteinander regeln,
auch unsere Trennung!«1991 ist die Eheberatungsstelle Mitbegründerin der Initiative für Trennungs- und Scheidungsberatung und Mediation.
1995 nimmt Hanne Reutti an dem ersten Ausbildungskurs des neu gegründeten Heidelberger Instituts für Mediation teil. Heute arbeiten drei nach den Richtlinien der BAFM (Bundesarbeitsgemeinschaft für Familienmediation) ausgebildete MediatorInnen in der Beratungsstelle.
Mediation
Erweitertes Angebot in der EheberatungsstelleMediation als Konfliktlösungsmodell zwischen strittigen Parteien hat eine lange, interkulturelle Tradition. Sie wurde unter anderem bei den alten Hebräern, in Afrika, Japan und China zur Lösung vielfältiger Konflikte herangezogen (vgl. u.a. Carnevale & Pruitt, Negotiation and Mediation. Annual Review of Psychology 1992). In den USA wird Mediation seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Gebieten eingesetzt und ist dort inzwischen in manchen Bundesstaaten gesetzlich verankert.
Der aus dem Englischen übernommene Begriff bedeutet »Vermittlung«. Das Verfahren soll scheidungswillige Paare dabei unterstützen, mit der Trennung einhergehende Konfliktthemen,
wie Umgangs- und Sorgerecht oder Unterhalt, außergerichtlich in eigener Verantwortlichkeit zu
besprechen und zu lösen. Die Frau und der Mann verhandeln direkt mit Hilfe eines Mediators,
einer Mediatorin, anstatt AnwältInnen mit der Vertretung ihrer Interessen zu beauftragen.
Mediation ist Teil einer emanzipatorischen bürgerlichen Bewegung. Die KlientInnen erkennen
im Verlauf eines solchen Prozesses ihre gemeinsamen aber auch ihre unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen (gemeinsam bleibt z.B. der Wunsch, dass die Kinder durch die Trennung keinen Schaden nehmen sollen). Es wird über individuelle, zukunftsorientierte
Lösungen für dieses Paar, für diese Familie verhandelt. Dabei zeigt sich, dass die Partner
potenziell über eine größere Konfliktlösungskompetenz verfügen als die Streitsituation zunächst vermuten lässt. Mediation will die Betroffenen auch in schwierigen Lebenssituationen zu eigenen Entscheidungen befähigen.
Auch die Politik braucht neue Konzepte
In den 90er Jahren zeigt sich in der Politik, dass neue Konzepte dringend gebraucht werden: In Südafrika wird das »Buch der Apartheid geschlossen« (1992). In Washington unterzeichnen der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin und PLO-Chef Yassir Arafat einen Vertrag, der unter der Vermittlung (Co-Mediation) Norwegens und der USA zustande gekommen ist und der weltweit als erster Schritt zu einem dauerhaften Frieden zwischen den Israelis und den Palästinensern angesehen wird (1993).
In Nordirland keimt nach beinahe 30-jähriger Gewalt zwischen Protestanten und Katholiken die
Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden. Unter der Leitung des US-Vermittlers (Mediators)
George Mitchell entsteht nach 21-monatiger Verhandlungsdauer ein Friedensplan (1998).
Zoff im multikulturellen Ehebett
Dipl.-Psych. Chantal Worré-Neff berichtet von ihrer Arbeit als Beraterin an unserer StelleEnde 1999 habe ich, als eine in Deutschland lebende Luxemburgerin, mit der Arbeit mit Migranten und Migrantinnen begonnen. Die Prospekte der Beratungsstelle wurden in 8 Sprachen übersetzt und an die entsprechenden ausländischen Stellen geschickt.
In Karlsruhe leben zur Zeit 34.187 MigrantInnen, d. h. Menschen ohne deutschen Pass. Fast 40 % von ihnen leben länger als 10 Jahre in Karlsruhe. Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler sind eine weitere große Gruppe bei uns. Von den sozialen Stellen erfordert dies eine interkulturelle Öffnung. Das bedeutet im Falle der Eheberatung, ratsuchenden MigrantInnen einen Ort zu bieten, wo sie sich trotz kultureller, sprachlicher und religiöser Unterschiede verstanden fühlen können. Und die BeraterInnen müssen eine interkulturelle Kompetenz
erwerben, was nichts anderes heißt, als sich zu öffnen für das, was nicht vertraut und
bekannt ist. Die Arbeit erfordert eine respektvolle Neugier. Das sprachliche Problem stand zuerst im Vordergrund. Ich konnte es durch den Einsatz von DolmetscherInnen
und muttersprachlichen Beraterinnen lösen. Dann erst zeigen sich bei Einzel- oder
Paargesprächen mit ausländischen Klienten Probleme und Konflikte wie in jeder anderen
Partnerschaft. Bei deutschen Klienten gibt es auch kulturelle und religiöse Unterschiede.
Ausländische Klienten, hier als Minderheit am Rand der Gesellschaft stehend, fürchten sich ihre
Wurzeln zu verlieren und leben ihr kulturelles Erbe strenger als in ihrem Ursprungsland. So konnte sich z.B. eine türkische Frau auch nach langer Beratung nicht von ihrem alkoholkranken türkischen Mann trennen. Sie hatte Angst, von der türkischen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden.
Das Bedürfnis nach Heimat und Halt kann einengend wirken. Deshalb ist die Öffnung sozialer Stellen für die Andersartigkeit der Kulturen und Religionen wichtig. Wir müssen diesen Menschen Toleranz und Akzeptanz entgegenbringen, sie in die Gesellschaft einbeziehen, um ihnen einen Platz in unserer Kultur zu geben.
In binationalen Ehen fällt es den Paaren schwer kulturell und religiös einen gemeinsamen Nenner zu finden. Eine junge, mit einem Türken verheiratete Deutsche trägt Kopftuch und ist zum Islam übergetreten. Sie lebt streng nach den Regeln des Koran. Sie war noch ein Kind, als ihre Eltern aus Südeuropa nach Deutschland eingewandert sind. Diese Frau fühlt sich heimatlos und trotz großer Anpassung in der türkischen Gemeinschaft nicht akzeptiert.
Sich nicht zugehörig und beheimatet zu fühlen, trifft man oft bei Einwanderern aus der zweiten
Generation. Vielleicht lässt sich ihre Partnerwahl auf Grund dieser Gefühle verstehen.
Wichtig erscheint mir, die Anliegen der Migranten und Migrantinnen ernst zu nehmen und ihnen
einen Raum für ihre Bedürfnisse zu bieten, gemeinsam zu ergründen, wo sie sich schwer tun und wo Brücken zwischen den Kulturen gebaut werden könnten.
Eine etwas längere Fassung dieses Beitrags von Chantal Worré-Neff finden Sie auf einer eigenen Seite, wenn Sie hier klicken.
Kinderrechte, ElternpflichtenIn der Reform des Kindschaftsrechts vom 16.12.1997 ist das Umgangsrecht als subjektives Recht des Kindes ausgestaltet, die Eltern haben somit nicht nur das Recht, sondern ausdrücklich auch die Pflicht, Umgang mit ihrem Kind zu pflegen (§ 1684 Abs. 1 BGB). Die begriffliche Unterscheidung zwischen ehelicher und nicht ehelicher Herkunft wird aufgehoben.
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2000 - 2003
Personalia
Britta Auer,
1999 bis heute 1. VorsitzendeMarina Lentz,
1971 – 2001 StellenleiterinAndrea Klaas,
2001 bis heute Stellenleiterin
Start ins neue Jahrtausend
Anstieg der Beratungsstunden von 3.798 im Jahr 2000 auf 4.668,5 im Jahr 2002: Wir sind an
der Kapazitätsgrenze angelangt bzw. haben sie schon überschritten (Überstunden und nicht
genommener Urlaub 2002 insgesamt 126 Tage).
2003: Unsere Finanzierung durch Zuschüsse und Klientenbeiträge reicht nicht aus, um den aktuellen Stellenplan weiter zu finanzieren. Mehr Unterstützung ist nötig, wobei der neu gegründete Förderkreis finanziell und ideell mithelfen soll.
Wir feiern unser 50-jähriges Bestehen.
E-Mail-Beratung –
ein neuer Arbeitsbereich für psychologische Beratungsstellen30 Millionen Bundesbürger nutzen das Internet, der Anteil der 14 bis 29-Jährigen mit Onlineerfahrung liegt sogar bei 80 %. Nach den Informationen zu wirtschaftlichen Fragen und Lifestyle/Entertainement rangiert Gesundheit als Themenfavorit an dritter Stelle.
1997 starteten wir ins Internet. Ein Jahr später konnten wir mit professioneller Hilfe eine Homepage gestalten. Inzwischen bietet ein Mitarbeiter, der sich mit Fortbildungen,
Austausch mit KollegInnen und eigenen Erfahrungen qualifiziert hat, E-Mail-Beratung an.
E-Mail-Beratung ist vor allem durch eine extreme Reduzierung der Kommunikationsmittel
gekennzeichnet: Es fehlen wichtige Kommunikationkanäle wie Körpersprache und Mimik,
Stimmlage, Betonung und Tonfall. Der Berater bekommt sehr wenig Informationen über die Klientel, oft erfährt er nicht einmal Alter und Geschlecht! Vor diesem kargen Hintergrund entfalten sich Übertragung und Gegenübertragung manchmal sogar schneller und stärker als in jeder anderen Situation.
E-Mail-Beratung wird auch ohne Öffentlichkeitsarbeit von immer mehr Menschen genutzt, zum Teil als Erstkontakt und Vorstufe zu einer Face-to-face Beratung, zum Teil als selbstständige Beratungsform. Die Anonymität des Kontakts und das hohe Ausmaß an Kontrolle, das Klienten jederzeit über den Kontakt haben, ermöglicht auch Menschen den Zugang zu Beratung, die trotz hohen Problemdrucks das Aufsuchen einer Beratungsstelle scheuen würden.
In einer Studie zu diesem Thema (Josef Lang in »Psychoscope«, Zeitschrift der FSP, 6/2001; vol. 22; S. 9 – 13) zeigt sich, dass Onlineberatung insbesondere Menschen hilft, die
• unter hohem sozialen Druck stehen,
• sich ihrer Leiden besonders schämen,
• körperlich behindert oder immobil sind,
• vor Ort den Aufwand scheuen,
• gelegentliches Coaching suchen,
• lieber schreiben als reden,
• unter medientypischen Abhängigkeiten leiden (z.B. Internetsucht).
Onlineberatung entfaltet positive Wirkungen, weil
• sie Ressourcen aktiviert. Schon die Kontaktaufnahme verbessert das subjektive Wohlbefinden des Ratsuchenden,
• die Problemarbeit beginnt,
• es zu positiven Klärungserfahrungen kommt.
Nach unserer Erfahrung blieb es in etwa der Hälfte der Fälle bei der Antwortmail, in der anderen Hälfte kam es zu weiteren Kontakten. Bei einem Sechstel war die E-Mail-Beratung Auftakt zu einer klassischen Beratung.
Ein Zukunftspanorama –
Megatrends im 21. JahrhundertDas Zukunftsinstitut in Frankfurt, bekannt durch den Trendforscher Matthias Horx, hat die Trend- und Zukunftsforschung in Deutschland von Anfang an maßgeblich geprägt. Das Institut erarbeitet Zukunftsszenarien für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Die Zukunftsforschung dient der strategischen Ausrichtung von Unternehmen. Durch Klärung von Entwicklungsoptionen kann so »Zukunft eingeübt« werden.
Als Beratungsstelle wollen wir zukunftsfähig sein. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns in Gesellschaft und Kirche, gerade angesichts knapper werdender finanzieller Ressourcen, richtig positionieren. Auch wir selbst und unsere Klienten sind ständig in gesellschaftliche Veränderungsprozesse involviert. Um weiterhin am Puls der Zeit zu bleiben, wagen wir mit dem Jubiläumsvortrag von Frau Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut einen »Blick in die Zukunft«.
Fragen und Thesen zu unserer Zukunft
- Die wachsende Teilnahme der Frauen am Erwerbsleben und ihr Bildungsvorsprung verändern
Familien- und Karrierebilder. Die klassische Hausfrauenrolle wird ausdifferenziert, die Powerfrauen leben mit einer explosiven Mischung von Anforderungen aus Arbeit, Familie und Freizeit. Es entstehen neue Rollenmodelle, von der »Domestic Goddess« bis zu den »Alpha Girls«.
- Es gibt heute das globale Problem »überflüssiger Männer, die der Produktionsprozess nicht mehr braucht« und Männer, die »von den Frauen nicht mehr abgeholt werden«. Da die klassischen Männeridentitäten auf breiter Front wegbrechen, ist eine massive Förderung des virilen Selbstbewusstseins gefordert.
- Dass die älteren Jahrgänge zahlenmäßig dominieren, schafft eine historisch neue Situation. Medizinischer Fortschritt hat das biologische Alter nach oben verschoben, Basis für andersartige Lebens- und Erwerbsbiografien. Der Wert „Reife“ steht für die positive Neudeutung des Älterwerdens.
- Wie leben und wohnen Menschen heute und morgen? Der Weg von der traditionellen Familie zu Lebensformen, in denen alles möglich ist (bunte Lebensformen). Aufräumen mit dem Mythos »Single«. Wie steht es mit dem Trend zur Individualisierung und Vereinzelung, mit der Verbindlichkeit, mit der man sich an andere Menschen bindet?
- Die Arbeitswelt im Übergang zur Wissensökonomie. Erfolgreiche Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die den »Unterschied« produzieren können. Emotionale, kommunikative und mediale Intelligenz werden zu wichtigen Lernfeldern. Das Modell »Lebensarbeitsplatz« hat ausgedient, Flexibilität ist gefragt.
- »Mobilität« wird zum umfassenden Anspruch an jeden Einzelnen in Beruf und Privatleben, in geistiger und körperlicher Hinsicht. Es wird zunehmend schwieriger, die Komplexität des Lebens zu bewältigen. Menschen suchen Techniken und Verhaltensmuster, die sie dabei unterstützen, das Leben in eine zufriedene Balance zu bringen.
- Gesundheit ist ein Blockbuster unter den Megatrends, getragen von der Alterung unserer
Gesellschaft und dem stärkeren Einfluss der Frauen. Dabei ist ein ganzheitlicher Ansatz gefragt, der die Bedürfnisse von Körper, Geist und Seele berücksichtigt. Wie wird das Gesundheitswesen, wie die Beratung finanziert werden? In welchem Ausmaß sind Klienten bereit, Kosten zu übernehmen?
- Die Konsummentalität schwankt zwischen »Geiz ist geil« und »Das Beste ist gerade gut genug«. Die Konsumkultur der vergangenen Jahrzehnte erfährt einen tiefgreifenden Wandel. Sinnfragen und Ethik halten Einzug in die neue »Sinngesellschaft«.
Trends und viele Fragen. Die Zukunft bleibt spannend!
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Supervisoren begleiten unsere Arbeit
Supervision in UmbruchzeitenDie Karlsruher Beratungsstelle in der Nelkenstraße habe ich 13 Jahre lang begleitet, zuerst als
Supervisor (1981 bis 1985) und dann als Leiter der Psychologischen Ausbildungsstelle für Ehe-,
Familien- und Lebensberatung der Erzdiözese Freiburg (1991 bis 2000).
Als noch junger Psychologe kam ich im Oktober 1981 in die Stelle, um mich als neuer Supervisor der Psychologischen Ausbildungsstelle vorzustellen und die BeraterInnen kennenzulernen. Ich war gespannt auf die neuen Gesichter, auf die früheren Erfahrungen mit der Supervision, auf die Arbeitsbedingungen, Räumlichkeiten u.s.w. Es war mir wichtig auch zu erfahren, welche speziellen therapeutischen Kenntnisse, Erfahrungen und Wünsche die BeraterInnen in die Gruppensupervision mitbringen, wo ich anknüpfen und sie »abholen« kann und auch, ob ich ihren Bedürfnissen und Erwartungen an die Supervision gewachsen bin.
Ich fand ein Team vor, das sich im Umbruch und in der Umstrukturierung befand: Der neue stellvertretende Leiter Christoph Horstmann und die neu ausgebildeten Fachkräfte waren gerade dabei, ihren Platz in der Stelle zu finden und Fuß zu fassen. In unserer Zusammenarbeit stellte sich bald heraus, dass die verschiedenen Therapierichtungen und Methoden innerhalb des Teams als eine bunte Vielfalt und als eine erfrischende Ressource erlebt werden. Ich kam immer wieder sehr gerne in das Team und habe es in angenehmer Erinnerung behalten.
Der Beratungsstelle gratuliere ich zu ihrem Jubiläum und wünsche ihr alles Gute für die Zukunft, u.a. auch eine bessere finanzielle Unterstützung von der Stadt und von den kirchlichen
Trägern. Sie hat es verdient!
Mit herzlichen Grüßen
Ivo Jozic
Die Freude an der Supervision
Auch der kompetenteste Berater oder Psychotherapeut gerät immer wieder einmal an das
Ende seiner Kompetenz oder verstrickt sich in seinen eigenen Gefühlen und Konflikten mit den
Problemen seines Klienten oder Patienten.
Es zeichnet die Mitarbeiter der Karlsruher Familienberatung aus, dass sie dies wissen und akzeptieren, und dass ihnen Supervision zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Aber nicht nur das: Es herrscht eine ungewöhnliche Offenheit, viel Vertrauen ineinander und eine erstaunliche Fähigkeit, über Unsicherheiten und Schwierigkeiten offen zu sprechen. Dies macht es möglich, dass ich ausgesprochen gerne von Freiburg nach Karlsruhe reise und die Arbeit, trotz der hohen Konzentration, eine rechte Freude ist. Wir können meist gar nicht alle »Anmeldungen« abarbeiten, weil in drei Stunden nicht mehr als vier bis fünf »Fälle« hineinpassen. Und unter Zeitdruck lässt sich schlecht Einfühlung erarbeiten. Aber auch das
Zuschauen, das Mitspielen und die Nachbesprechung führen oft bei den anderen Teilnehmern,
also nicht nur bei dem, der »dran« ist, zu Einsichten und Aha-Erlebnissen.
Selten habe ich eine so spielfreudige Gruppe erlebt, die flexibel in die unmöglichsten Rollen
schlüpft, um durch die spontane Interaktion die meist vorhandenen Familien-Abgründe auszuloten. Dieses Rollenspiel in der gemeinsamen Arbeit scheint wiederum die Sympathie untereinander zu fördern, zumindesten aber die Kenntnis des anderen, die ja oft die Basis für Verstehen und Zuneigung ist. In mir ist im Lauf der Jahre jedenfalls viel Sympathie und kollegiale Achtung gewachsen.
Die Methode, mit der wir arbeiten, ist relativ einfach und braucht doch Erfahrung. Ich lasse meist erst einmal den Fallvorstellenden Mitarbeiter zu seinem auf einem leeren Stuhl vorgestellten Klienten (oder dem Klientenpaar) so frei und unzensiert wie möglich sprechen,
damit der »Gefühlshaushalt« der beraterischen Beziehung zum Vorschein kommt. Denn jeder
Berater reagiert mit Leib und Seele auf einen Klienten, auch wenn er es zunächst nicht umfassend wahrnimmt; erst recht natürlich auf schwierige Kunden, die mit ihren Problemen direkt oder indirekt in den Gefühlshaushalt des Beraters einbrechen. Spricht er diese Emotionen mit wachsender Klarheit aus und lässt sich dabei von den Kollegen helfen, dann ist schon viel gewonnen, denn es wird deutlich, welche Probleme der Klient in den Sitzungen aktivieren will.
Dann wird der Mitarbeiter angeregt, sich Mitspieler für die wichtigsten im Konflikt beteiligten
Personen (dies können aktuelle Partner und Kinder oder auch längst verstorbene Eltern sein)
auszusuchen. Auch für seine eigene Person, denn er darf bei den Interaktionen zuschauen
und lässt die anderen die Verstrickungen explorieren. Meist ergreift dann die Spiellust die
Gruppe, die Einfühlung vertieft sich, und der zuschauende Betrachter staunt, wie nahe die
Auseinandersetzung an seinen Problemfall heranführt. Manchmal muss ich die Spieler regelrecht von der Bühne zerren und dafür sorgen, dass sie aus den Rollen auch wieder herausfinden. Es ist erstaunlich, welche schauspielerischen Fähigkeiten die Teilnehmer
entwickeln, ohne dass dies bedeuten würde, dass sie die Interaktionen nur »spielen«.
Nein, sie geraten tief hinein in die emotionale Dynamik. Dem widerspricht auch nicht, dass gelegentlich ein umfassendes Gelächter explodiert, wenn ein persönlicher Zug mit einer Eigenschaft eines Klienten sich berührt und dadurch besonders deutlich wird.
Tilmann Moser
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Karlsruhe, im September 2003