Die Arbeit einer Beratungsstelle
als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen
Auszug aus dem Jahresbericht 2010
der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe
von
Andrea Klaas
Leiterin der Beratungsstelle
In diesem Jahr hat uns besonders der wachsende Andrang von Klienten beschäftigt. Spürbar war der Druck zuerst im Sekretariat bei der Terminvergabe und wanderte dann weiter an die Berater und Beraterinnen. Mit Verzögerung landete er bei der Stellenleitung – wir hatten zu viel Honorarstunden gehalten und abgerechnet! Das ließ sich nur langsam bremsen und so entstand eine Lücke zwischen Ausgaben und Einnahmen, die aus der Rücklage gedeckt werden musste.
2010
2009
Beratungsfälle
Beratungsstunden1.232
5.8731.152
5.023
Die erste Frage, die sich stellt, ist, warum der Bedarf an Beratung wächst.
Günter G. Voss bringt die Situation, so wie sie sich auch in den Schilderungen vieler Klienten und Klientinnen darstellt, in seinem Vortrag im SWR2 (SWR2 Wissen, Aula vom 8. August 2010: „Burn out – Arbeiten bis zum Umfallen“) exakt auf den Punkt. Daraus kann ich entnehmen, dass
Studien der Krankenkassen übereinstimmend die dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen, besonders von Depressionen, belegen. So stellt z.B. die DAK fest, dass seit den 90-iger Jahren die Zahl der Krankheitstage auf Grund psychischer Belastungen um fast 200 % gestiegen ist! Betroffen sind Frauen mit Kundenkontakt und in der Pflege, junge Männer unter 20, auch Arbeiter oder einfache Angestellte, aber bemerkenswert ist die Entwicklung gerade bei qualifizierten Berufstätigen. Mehrere Studien belegen den Zusammenhang von zunehmenden psychischen Belastungen, psychischen Erkrankungen und Symptomatiken mit Veränderungen in der Arbeitswelt.
Die Erklärungen, die der Arbeitssoziologe in seinem Vortrag aufzeigt, finden sich in Gesprächen mit Klienten wieder: überhöhter Arbeitsstress wegen zusätzlicher Arbeit, die durch den Ausfall von KollegInnen oder durch neue Verwaltungsanforderungen anfällt. Die Vermischung von Berufs- und Privatleben erleben wir durch klingelnde Handys „life“ in der Beratung - 67 % der Beschäftigten sind inzwischen über mobile Geräte auch außerhalb der Erwerbssphäre erreichbar. Das, was die Soziologen als das „Ende des Normalarbeitsverhältnisses“ bezeichnen, ein Abbau verlässlicher Regulierungen, Strukturen und Stabilitäten, finden wir emotional in Unsicherheit, Ängsten und dem Gefühl, ständig zu wenig zu leisten, wieder. Die Soziologie spricht hier von „Entgrenzung“: Strukturen, die Sicherheit und Orientierung bieten und Grenzen setzen für Anforderungen, werden abgebaut.
In der Lebensrealität belastet die hohe Mobilität besonders junge Familien. Ein Elternteil ist viel beruflich unterwegs und kann den anderen nicht zuverlässig unterstützen, durch Umzug verlieren die Eltern kleinerer Kinder das tragende Umfeld von Großeltern und alten Freunden. Neue Kontakte aufzubauen fällt da schwer, Einsamkeit verstärkt die alltägliche Überforderung.
In der Beratung erlebe ich auch zunehmend jüngere Ratsuchende, die ängstlich in die Zukunft schauen. Ihr Einstieg in das Berufsleben ist von unsicheren Berufswegen, Zeitverträgen und wirtschaftlich schwierigen Selbständigkeiten geprägt. Da sehnt man sich nach Geborgenheit in Beziehung und Familie und bekommt dann frisch verliebt den guten Rat, sich zuerst mal mit einem Ehevertrag abzusichern!
Hinzu kommt, nach Günter G. Voss, eine allgemeine Verunsicherung der Bevölkerung. Zum Symbol für den Abbau von sozialen Sicherungen sind die Hartz-Reformen geworden. Die öffentlichen Haushalte belasten hohe Schulden, von eventuellen Sparmaßnahmen betroffen sind weniger Großprojekte, sondern zuerst Soziales und Kultur, also die Bereiche, die im Alltag der Menschen eine große Rolle spielen. Die Zunahme sozialer Ungleichheit führt nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zu einer „Verunsicherung der Mittelschicht“ und einer „Statusangst genau der Menschen in der Mitte“ – unserer Stammklientel!
Die zweite, an dieser Stelle entscheidendere Frage ist, wie die Beratungsstelle darauf reagieren kann.Natürlich wurde als „Erste-Hilfe-Maßnahme“ das System der Terminvergabe und Stundenabrechnung überarbeitet. Aber so beeinflussen wir nur das Symptom. In dem Konzeptteam am 18.11.2010 stellten sich alle Mitarbeitenden der Frage, wie mit den sich ändernden Rahmenbedingungen konstruktiv umgegangen werden kann. Daraus ergaben sich Teamthemen für das ganze Jahr 2011.
Natürlich sind auch Eheberaterinnen von den genannten gesellschaftlichen Tendenzen betroffen: es fällt schwer, die Arbeit einzugrenzen und festzustellen, wo „genug“ und „gut genug“ ist. Hilfreich ist die Rückbesinnung auf unseren Auftrag und unsere Kernkompetenzen. Als psychologische Beratungsstelle bieten wir einen niedrigschwelligen Zugang, helfen Situationen zu klären und Stabilität zu finden. Und wir sind die Spezialisten für Paarbeziehungen. Klienten, die eigentlich eine Therapie benötigen, können wir ein Stück begleiten. Aber wir können keine Therapie ersetzen, auch wenn lange Wartezeiten abschrecken und es besonders für Menschen, denen es richtig schlecht geht, schwer ist, einen Therapieplatz zu finden. Diesen Mangel kann die Beratungsstelle nicht ausgleichen!Da in der Tendenz häufiger nicht nur drängendere, sondern auch aus fachlicher Sicht dringende Klientel Beratung sucht, stellt sich für uns die Aufgabe, trotz starker Arbeitsbelastung flexibel genug für kurzfristige Termine zu sein. In der wöchentlichen offenen Sprechstunde klärt ein erfahrener Kollege die Situation der Ratsuchenden und kann entsprechende Schritte einleiten. Außerdem hat die Beratungsstelle im Rahmen des Karlsruher Wegs mit dem Familiengericht und dem Sozialen Dienst vereinbart, für von dort geschickte Klienten innerhalb von zwei Wochen einen Termin für ein Erstgespräch zu vergeben.
2010 haben wir unser Gruppenangebot überarbeitet und erweitert. In wiederholten Untersuchungen (Sanders 2006: „Beziehungsprobleme verstehen, Partnerschaft lernen“ Seite 256 ff) hat sich gezeigt, dass für Paare eine Mischung aus Paarberatung und Gruppenarbeit besonders effektiv sein kann. Sanders hat nach diesem Modell die „Partnerschule“ entwickelt. Die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle bietet seit 2010 „Partnercoaching“ an, in dem sich Paarberatung mit der Teilnahme an vier inhaltlich unterschiedlichen Blöcken einer Gruppenarbeit mit Paaren abwechselt. Eine Gruppenteilnehmerin schenkte uns am Ende des ersten Blocks den hier abgebildeten „Froschkönig“, der zeigt, wie viel positive Energie in der Gruppe entstehen kann!