Beratungsarbeit und
Gewaltprävention
von Michael Drescher
Aggression beim Menschen wird definiert
als körperliches oder verbales Handeln, das mit der Absicht ausgeführt
wird, zu verletzen oder zu zerstören. Gewalt ist Aggression in ihrer extremen
und sozial nicht akzeptablen Form. Sie ist Ausdruck von Feindseligkeit und Wut
(nach Zimbardo). Ziel der Beratungsarbeit ist es, die Ratsuchenden dabei zu
unterstützen, Konfliktlösungen zu finden, die das Ausüben von
Gewalt im emotionalen Ballungsraum Familie und darüber hinaus überflüssig
machen. Insofern ist Ehe-, Familien- und Lebensberatung seit jeher explizite
Arbeit im Sinne der Dekade zur Überwindung von Gewalt (2001 -2010). Die
Initiative des Ökumenischen Rates zur Schaffung einer Kultur der Gewaltlosigkeit
(Harare 1998) ist aber Anlass, die verschiedenen Facetten dieser Arbeit genauer
anzuschauen.
- Man muss davon ausgehen, dass häusliche Gewalt
die in unserer Gesellschaft am weitesten verbreitete Gewaltform überhaupt
ist. Häusliche Gewalt hat viele Gesichter: Gewalt in Paarbeziehungen,
Gewalt gegen Kinder, Gewalt von heranwachsenden und erwachsenen Kindern gegen
ihre Eltern (sog. Nesthockersyndrom), Gewalt gegen alte Menschen, (sexualisierte)
Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen und Gewalt gegen AusländerInnen
(eingeschränktes Aufenthaltsrecht, Frauenhandel und in Deutschland vorgenommene
Genitalverstümmelungen). Die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle
in Karlsruhe macht es sich seit Ende 1999 zur Aufgabe besonders auch Menschen
ausländischer Herkunft zu erreichen. Die Sozialarbeit mit MigrantInnen
wurde in der Vergangenheit weitgehend an nationalitäten- bzw. migrantenspezifische
Sonderdienste delegiert. Dies entspricht nicht mehr den heutigen Bedürfnissen.
In Karlsruhe leben zur Zeit ca. 35.000 Menschen ohne deutschen Pass - fast
40% schon länger als 10 Jahre. Aussiedler sind eine weitere große
Gruppe. Um Rat suchenden MigrantInnen einen Ort zu bieten, wo sie sich trotz
kultureller, sprachlicher und religiöser Unterschiede verstanden fühlen
können, werden muttersprachliche Beratungen für die Sprachen Französisch,
Englisch, Russisch, und mit Dolmetscher für die Sprachen Türkisch,
Polnisch, Spanisch und Erithreisch angeboten. Wichtig und konstruktiv sind
vor allem die Gespräche nach den Beratungen mit den Übersetzern
um die religiösen und kulturellen Hintergründe verstehen zu lernen.
- Bereits im Jahre 1983 wurde vom Ökumenischen
Rat der Kirchen der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und
Bewahrung der Schöpfung als Auftrag formuliert. Gewalt ist vor allem
durch die Verwirklichung von Frieden und
Gerechtigkeit zu überwinden. In dem seit
Jahren immer weiter ausgebauten Angebot an Trennungs- und Scheidungsmediationen
verfolgt die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle in Karlsruhe
gerade dieses Ziel: Paare und Familien dabei zu unterstützen, Wege zu
einer fairen Trennung zu finden, bei der es zu einem gerechten Ausgleich zwischen
den Interessen und Bedürfnissen aller Beteiligter, vor allem der Kinder,
kommt. Mediation ermöglicht, gegenseitigen Respekt zu bewahren und ohne
Feindschaft auseinander zu gehen, Mediation befähigt, trotz heftiger
Gefühle sachliche Entscheidungen zu treffen und Mediation hilft, die
schmerzliche Situation von Gewinnern und Verlierern zu vermeiden.
- Die Studentin Pia spürt es schon lange
vorher kommen. Den ganzen Abend lang ist in ihr eine Unruhe aufgezogen, jetzt
hat sie sich zu einer wilden Anspannung verdichtet, ist eine Energie geworden,
die sich entladen muss. Pia weiß, was jetzt kommen wird. Sie will es
nicht tun, sie hasst sich dafür, aber sie weiß, dass sie es wieder
tun wird. Schon überprüft Pia die Werkzeuge. Papiertaschentücher
und ein Fläschchen Alkohol stellt sie auf dem Schreibtisch bereit. Dann
nimmt sie eine Rasierklinge aus der Pappschachtel, fasst sie vorsichtig an,
um sich nicht in den Finger zu ritzen, und ohne innezuhalten schneidet sie
sich den Unterarm auf. Warmes Blut fließt über die Haut. Ich blute,
also bin ich. Weil der körperliche Schmerz den seelischen Schmerz
beiseite schiebt, legen Hunderttausende regelmäßig Hand an sich
und fühlen sich danach erst mal besser. Selbstverletzendes Verhalten
(SVV) oder Autoaggression nennt man dieses Verhalten, mit dem sich Menschen
Zugang zu ihren Gefühlen verschaffen. Die Medical Tribune schrieb 1995
von einem Phänomen, das rapide zunimmt. Gewalt gegen sich selbst kann
unterschiedliche Formen annehmen: Selbstbeschädigung, Suizid oder auch
das Aushalten einer eigentlich unerträglichen (Lebens)situation. Die
Ehe-, Familien- und Lebensberatung bietet einen angstfreien Raum, in dem sich
Menschen an ihre Gefühlswelt herantasten können - ohne Gewalt.
- Die Anwendung von Gewalt im zwischenmenschlichen
Bereich legt oft eine eindeutige Rollenverteilung nahe. Es gibt einen Täter
und es gibt ein Opfer. Zunehmend wird versucht, dem Opfer außerhalb
juristischer Verfahren zu einem Ausgleich zu verhelfen, und den Täter
mit den Folgen seiner Tat zu konfrontieren (Täter-Opfer-Ausgleich). In
der Beratung gehen wir über diese Täter-Opfer-Kategorie hinaus.
Wir fragen nicht nach der individuellen Schuld, sondern wir legen unser Augenmerk
auf die Not und Verzweiflung - bei Opfer und Täter. So kann beiden ein
Ausstieg aus der Spirale der Gewalt ermöglicht werden.
Die wenigen Schlaglichter machen deutlich: Ehe-,
Familien- und Lebensberatung ist unverzichtbarer Teil einer ganzheitlichen Auseinandersetzung
mit dem breiten Spektrum von Gewalt und Gewaltprävention.
Der Verfasser ist Dipl.-Theologe und als Ehe- Familien-
und Lebensberater und Mediator in der Ehe- Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle,
Nelkenstr. 17 in 76135 Karlsruhe, tätig.
zurück
zur Seite Lesenswert
zur Startseite
(Home)