Wege aus der Gewalt
in Partnerschaften russischsprachiger
Migrantinnen und Migranten
von Helene Kolb *
"Er schlägt,
also liebt er ?!"
Ist die Herkunft der Täter ausschlaggebend? Wenden die Männer aus
Osteuropa oder Russland schneller Gewalt an, als dies unter Einheimischen
der Fall ist? Diese Betrachtungsweise ist natürlich sehr einseitig. Ich
zitiere die Studie des Bundesfamilienministeriums (2004) zur Gewalt gegen
Frauen : „Die türkischen und osteuropäischen Migrantinnen
waren von sexueller Belästigung und psychischer Gewalt anteilmäßig
etwa gleich häufig und von der körperlichen Gewalt häufiger
betroffen als die Befragten der Hauptuntersuchung“.
Zum besseren Verständnis soll im Folgenden auf die Situation russischsprachiger
Migrantinnen und Migranten und auf die Erfahrungen der Beratungsstelle mit
dieser Klientel eingegangen werden. Die Herkunftsländer spielen eine
entscheidende Rolle. So wird in Russland häusliche Gewalt erst seit 10
Jahren in der Öffentlichkeit und nur in Großstädten geächtet
(mit finanzieller Unterstützung für Kampagnen von ausländischen
Menschenrechtsorganisationen.
Der soziokulturelle Hintergrund der russischsprachigen Migrantengruppe
Im Herkunftsland wurde in Bezug auf die Paarbeziehung, aber auch auf die Jugendlichen
in der Familie nicht Autonomie und wachsende Selbständigkeit erwartet,
sondern in der Regel Anpassung und Gehorsam gefordert. Das erschwert die Auseinandersetzung
mit der großen Zahl von Veränderungen, mit denen das Paar, die
Familie, konfrontiert wird (Sprache, Werte, Einstellungen, Erwartungen, geschlechtspezifisches
Rollenverständnis etc.), welche sich stark destabilisierend auf die Paarbeziehung
und in der Regel auch auf die ganze Familie auswirken. Über die Veränderungsmöglichkeiten
gibt es oft wenig Austausch bzw. Entwicklungsimpulse. Viele Migrantinnen wissen
z.B. nicht, dass es Beratungsstellen mit muttersprachlicher Beratung gibt,
dass es ihnen zusteht, sich bei Beziehungs- und Familienproblemen Hilfe zu
holen, und dass sie das Recht haben, den Mann mit den Kindern zu verlassen,
wenn sie bedroht werden.
Beim Phänomen „identity-switching“
(Russlanddeutsche Identitäten zwischen Ankunft und Herkunft; Karsten
Rössler; Frankfurt 2003) bilden sich neue identitätsstiftende Werte:
das Streben nach Arbeit und Geld und insbesondere nach Erwerb von Gegenständen
mit hohem Symbolwert („ein kleines Häuschen“, Auto usw.).
Das dient in gewisser Weise als Kompensation auf innerliche und materielle
Verzichtsleistungen im Herkunftsland (Freunde, vertrautes Umfeld) und als
Sinngebung für die Auswanderung. Die Folgen sind Verschuldung, Zukunftsängste,
Suche nach Schuldigen, Spannungen, Brüche und Generationskonflikte innerhalb
der Familie.
Die Auswirkungen der Armutsbiographien bei Migranten bzw. der materiellen
Unterversorgung, Vernachlässigung und der psychosozialen Benachteiligungen,
ggf. Alkoholabhängigkeit, zeigen m. E. gravierende Erscheinungsfolgen,
verbunden mit körperlicher Gewalt in Beziehungen. So bewirken nicht erfolgte
Integration und Identitätsfindung, die Beziehungskonflikte im Familienumfeld
und die enormen Verständigungsprobleme in der bundesrepublikanischen
Realität Passivität, aber auch einen hohen Leidensdruck
und Fluchtverhalten.
Als Katalysator der Gewaltspirale können
sowohl die o.g. soziokulturellen Hintergründe, die psychosozialen Faktoren,
aber auch gleichzeitig das kommunikative Paarbeziehungsmuster gesehen werden.
In Verbindung mit inneren Faktoren wie etwa geringer Selbstwert, Depressivität,
Suizidalität, ständige Eifersucht, Kontrollverlust, Aggressivität
führt das oft zu Partnergewalt.
Gelungene Integration der Migranten ist die beste Prävention gegen häusliche
Gewalt. Menschen mit gutem Selbstwert und Identitätsbewusstsein, mit
guten Sprachkenntnissen und Landes- und Verfassungskenntnissen, mit Sicherheitsgefühl
und Willenskraft, um nur einige Eigenschaften zu nennen, werden sich bestens
integrieren und eine große Bereicherung für die Aufnahmegesellschaft
werden.
1. Abhängigkeiten
zwischen Opfer und Täter
Partnergewalt löst bei Migranten eine Traumatisierung aus: Zerstört
wird die Bedeutung und die Schutzfunktion der Familie. Das Grundbedürfnis
„Sicherheit“, so wichtig in einem neuen Land, ist erschüttert.
Viele misshandelte Frauen in Abhängigkeitsbeziehungen kehren immer wieder
zum misshandelnden Partner zurück. Sie leben in zwei unterschiedlichen
Welten: „schlechte Welt“/„gute Welt“ - zwei Daseinszustände.
Das Gefühl für die „schlechte Welt“ fehlt in der „guten
Welt“ und umgekehrt. Das Opfer denkt ständig an den Täter,
glaubt, ihn zu lieben und ohne ihn nicht leben zu können. Und „wenn
er aufhört zu trinken, hört er auch auf mich zu schlagen, ohne mich
geht er zugrunde, nur ich kann ihn retten“. Frauen spüren die Steigerung
der Spannung und das Nähern der Gewalthandlung, gleichzeitig wachsen
Angst und Depressivität. Hier sind in der Beratungsarbeit das Bewusst
werden und Erarbeiten alternativer Handlungsmöglichkeiten wichtig, um
der Gefahr aus dem Weg zu gehen.
2. Fehlende Distanzierungsmöglichkeiten
Abhängigkeit bedeutet häufig Distanzlosigkeit. Bei erzwungenem Zusammenleben
in engen „Wohnheimen“ oder im selbstverständlichen Zusammenleben
mit Eltern, Schwiegereltern etc. kommt es unausweichlich zu Konflikten. Berater
können Migranten zur äußeren Distanzierung ermutigen und gleichzeitig
ihre innere Autonomie stärken: „Ich bin mehr, als die Frau, deren
Mann ihr Gewalt angetan hat“.
3. Soziale Isolation
oder unzureichende soziale Unterstützung
Sie können ein indirekter Bedingungsfaktor für die Entstehung von
Gewalt sein. Bei häuslicher Gewalt vermischt sich Brutalität und
Hilflosigkeit. Liebe und Zwang schließen sich nicht aus, sondern ein.
Diese Vermischung ermöglicht den Tätern auch im sozialen Umfeld
der Migranten, die eigene Tat zu negieren. Bei den Opfern bewirkt sie Verhaltens-
und Gefühlsverunsicherung. Vorhandene soziale und familiäre Unterstützung
kann Belastungen und Stress bei Migranten reduzieren, wobei emotionale Unterstützung,
ressourcenorientierte Unterstützung m. E. zentrale Bedeutung hat. Ich
möchte in der Beratung den ganzen Menschen wahrnehmen. „Was möchten
Sie mit ihrem Leben erreichen?“
4. Generationenübergreifender
Gewaltkreislauf
Gewalt wird oft über Generationen tradiert. So erlebte ich z.B. ein junges
Paar, das unter einer Gewaltbeziehung litt. Sie lebten bei seinen Eltern im
Haus. Auch seine Mutter war Opfer von Partnergewalt. Eine Veränderung
wurde möglich, als sich die beiden Frauen dazu entschlossen, diese Gewalt
nicht mehr zu dulden.
5. Psychische
und körperliche Überforderung
Die Beziehungen werden stark durch neue Anforderungen destabilisiert. Auch
der Körper reagiert auf die Anforderungen mit neuen Krankheiten. Es bedarf
intensiver Ermutigung, Information, Annahme und Anerkennung, Anregung zur
Selbsthilfe, Beruhigung bei Angst, der Unterstützung, Unsagbares auszusprechen.
Nur wenn jemand stabil genug ist, kann man auch über wirklich schlimme
Dinge reden (wollen sie darüber reden?). „Es wird nicht immer besser,
wenn man über schlimme Dinge reden kann“ (Reddemann).
Voraussetzung für Interventionen gegen Gewalt ist, eine Gewalthandlung
als solche auch zu erkennen und nicht nur das Einzelereignis isoliert zu sehen,
sondern im Kontext der Beziehungs- und Paargeschichte und der gesamten Familienstruktur.
Ziel der Beratung bei Partnergewalt ist:
* Helene Kolb, selbst Russlanddeutsche aus
Usbekistan, ist Dolmetscherin und als Ehe-, Familien- und Lebensberaterin
in der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle,
Nelkenstr. 17 in 76135 Karlsruhe, tätig.
Der Text ist die Zusammenfassung ihres Vortrags zum gleichen Thema am 23.11.2004
im IBZ.
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