Patchworkfamilien

von Hanne Reutti *

Eine Folge der immer höher werdenden Zahl von Trennungen und Scheidungen ist auch die steigende Zahl von Stieffamilien. Denn Partner, die sich getrennt haben, gehen selbstverständlich häufig auch neue Partnerschaften ein und gründen neue Familien. In dieser neuen Familie bringt die Frau Kinder mit, deren Vater woanders lebt. Diese sog. "Stiefvaterfamilien" sind die häufigste Form der Stieffamilie, weil nach einer Trennung die Kinder meist bei der Mutter bleiben. Aber auch der Mann kann eigene Kinder, die bei ihm leben, in die neue Beziehung mitbringen, während die Mutter dieser Kinder woanders, vielleicht schon in einer anderen Beziehung, lebt. Solche "Stiefmutterfamilien" haben es meist schwerer. Denn die Erwartungen an eine Mutter sind umfassender als an einen Vater. Selbst der aufopferndste Einsatz der Stiefmutter wird von den Kindern (auf Grund ihrer Loyalität zur leiblichen Mutter) selten belohnt.

Wenn beide Partner Kinder in die neue Beziehung mitbringen ("zusammengesetzte Stieffamilie")**, ist jeder der beiden Partner also zugleich Vater oder Mutter eines leiblichen Kindes und Stiefvater oder -mutter des Kindes des Partners. Die Situation wird noch komplizierter, wenn sich Paare nach einer zweiten oder dritten Trennung zusammenfinden.

Und oft bekommt dieses Paar noch neue gemeinsame Kinder. Für die schon mitgebrachten Kinder bedeutet das: Die Rollen auf der Geschwisterebene müssen neu verteilt, Privilegien aufgegeben, neue Verantwortlichkeiten übernommen werden.

Die Kinder bringen so ihre unterschiedliche Geschichte und durchaus verschiedene Vorstellungen vom Familienleben mit. Einfluss auf die Kinder und über die Kinder auf die neue Familie haben meistens zusätzlich auch die von ihnen getrennt lebenden Elternteile nebst den dazugehörigen Großeltern. Die Stiefgeschwister, die über die neue Partnerschaft zusammengewürfelt werden, hatten dabei nicht die Chance, sich wie Freunde auszuwählen, sondern müssen in der neuen Familie erst lernen miteinander auszukommen.

Ich denke hier an ein Beispiel: Eine Frau, die nach ihrer Trennung mit ihren zwei Söhnen (Max und Moritz) im Alter von 8 und 6 Jahren eine Weile allein gelebt hatte, lernt einen Mann kennen, der mit seiner 8-jährigen Tochter (Paula) ebenfalls allein lebt. Sie beschließen zusammenzuziehen: Die Frau zieht mit ihren beiden Söhnen in die 3-Zimmer-Wohnung des Mannes. Hier nur zwei von mehreren Konfliktsituationen: Die drei Kinder müssen sich auf einmal das Kinderzimmer teilen, in dem Paula vorher allein belebt hat. Wogegen sie sich heftig sträubt! – Paula sieht ihre Mutter einmal wöchentlich zu einer bestimmten Zeit. Der Vater von Max und Moritz hat nur sporadisch Kontakt und zahlt auch keinen Unterhalt. Auch die Großeltern der neuen Partner verhalten sich sehr unterschiedlich: Die Eltern und Geschwister der Frau akzeptieren Paula voll und nehmen sie in die Familie auf. Die Eltern des Mannes versuchen, Max und Moritz zu ignorieren.

Natürlich gibt es in der neuen Familie auch noch die üblichen Paarprobleme, wie sie in Partnerschaften ohne mitgebrachte Kinder vorkommen. Das Konfliktpotential der Stieffamilie ist aber ungleich größer als in einer „Normalfamilie“, somit auch die Gefahr, dass die Partner von der Massierung der Schwierigkeiten überrollt werden und sich am liebsten wieder trennen möchten. Deshalb verdienen Stieffamilien, und das ist in Deutschland heute etwa jede sechste Familie, das besondere Interesse einer psychologischen Beratungsstelle.

Zunächst gilt es, mit dem Paar zu schauen, was sie verbindet und was sie bis jetzt trotz aller Probleme gut geschafft haben. Das ist wichtig, weil Paare das oft gar nicht mehr wahrnehmen, wenn die Probleme über ihnen zusammenschlagen. Es wird ihnen auch leichter wieder präsent, wenn jemand von außen (in diesem Fall der/die BeraterIn) diese ihre Leistung anerkennt.

Als nächstes besteht dann die Möglichkeit, Lösungen für konkrete Detailprobleme zu erarbeiten, durch die sich die Gesamtsituation schon etwas entspannen kann. Im Fallbeispiel: Paula und Max + Moritz bekamen im Kinderzimmer klar abgegrenzte eigene Bereiche, und Max durfte abends, weil sein Licht die beiden anderen störte, noch 20 Minuten im Wohnzimmer lesen.

Das Paar erkennt aber, dass es sich für die Lösung der komplexeren Probleme mehr Zeit nehmen muss. Hierzu wird auch gehören, dass im Einzelfall auch der persönliche Hintergrund der Partner beleuchtet werden muss. Gerade in Stieffamilien macht es fallweise durchaus Sinn, die Kinder in die Beratung einzubeziehen. Ein Problembereich kann das Vorhandensein einer „sekundären Stieffamilie“ sein, d.h. der neuen Familie des abwesenden Elternteils. Die Kinder werden sich meist beiden Familien zugehörig fühlen. Hier müssen Wege gefunden werden, die Grenzen der neuen („primären“) Stieffamilie zu betonen, ohne die Beziehung zu den außerhalb Lebenden zu behindern.
Wichtig ist, dass alle Beteiligten wissen: Sie brauchen viel Geduld, nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst. Schließlich hat sich herausgestellt, dass Stief-/ Patchwork-Familien etwa 5 Jahre brauchen um zusammenzuwachsen. Die Geduld hat dann aber auch ihren Lohn: So entwickeln die Kinder einer solchen Patchworkfamilie durch die wesentlich höhere Zahl von ihnen wichtigen Bezugspersonen und durch die höhere Familiendynamik eine deutlich höhere Sozialkompetenz.

* Die Verfasserin ist Juristin und Mediatorin (BAFM) und als Ehe-, Familien- und Lebensberaterin in der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle, Nelkenstr. 17 in 76135 Karlsruhe, tätig.

** Zu den verschiedenen Stieffamilien-Formen vgl. gut die Definitionen in: Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen (Hrsg.): Die Patchwork-Familie, oder Der Die Das Stief... (s. unten Lit.-Liste).

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Literatur:

Aus der umfangreichen Literatur zum Thema Patchworkfamilie hier nur eine (etwas zufällige) Auswahl.
Eine umfangreiche Literaturliste findet sich auch auf der Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen Stieffamilien (http://www.stieffamilien.de/):
URL: http://www.stieffamilien.de/html_files/literatur_erwachsene.htm


Verena Krähenbühl, Hans Jellouschek, Margarete Kohaus-Jellouschek, Roland Weber:
Stieffamilien. Struktur - Entwicklung - Therapie. Freiburg, Lambertus, 5. Auflage 2001. 16,50 EUR.

Verena Krähenbühl, Anneliese Schramm-Geiger, Jutta Brandes-Kessel:
Meine Kinder, deine Kinder, unsere Familie. Wie Stieffamilien zusammenfinden. Reinbek, Rowohlt Taschenbuch. 2000. Im Antiquariats-Onlinehandel ab 1,95 EUR.

Peter Scheer, Marguerite Dunitz-Scheer:
Meine deine unsere. Leben in der Patchworkfamilie. Wien, Falter, 2002. 22 EUR.

(Österreichisches) Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen (Hrsg.):
Die Patchwork-Familie, oder Der Die Das Stief... Ein Ratgeber für Familien und solche, die es noch werden wollen. Wien: Selbstverlag 2001.
Aus dem Internet als pdf downloadbar:
URL: https://broschuerenservice.bmsg.gv.at/PubAttachments/patchwork-familie.pdf
Ebenso die Broschüren
Du lebst in einer Stieffamilie:
URL: https://broschuerenservice.bmsg.gv.at/PubAttachments/stieffamilie.pdf
Meine Stieffamilie. Ganz anders als im Märchen … - Ein Ratgeber für Kinder in Patchworkfamilien:
URL: https://broschuerenservice.bmsg.gv.at/PubAttachments/meine_stieffamilie.pdf

Matthias Ochs und Rainer Orban:
Was heißt schon Idealfamilie? Wie Alleinerziehende, Scheidungskinder und Patchworkfamilien glücklich werden" Frankfurt a. M., Eichborn Verlag, 2002. 13,90 EUR.

Sonja Combe:
Deine, meine, unsere Kinder. Als neue Familie zusammenwachsen. Freiburg, Herder, 1998. Im Onlinehandel neu ab 2,74 EUR.

Gerlinde Unverzagt:
"Patchwork. Familien mit Zukunft". München, dtv Verlag, Taschenbuch Bd.36289, 2002. 9 EUR.

Sigrid Damm:
Patchworkfamilien und Stieffamilien: Besonderheiten in Alltag und Psychotherapie . Tübingen, Universitas, 1998. 12 EUR.

Walter Bien, Angela Hartl, Markus Teubner:
Stieffamilien in Deutschland. Opladen, Leske u. Budrich, 2002. 24,90 EUR.

Hermann Becker:
Wenn Familien wieder heiraten. Stuttgart. Klett-Cotta, 1997. 13 EUR.

Adrian Urban:
Liebe mit Anhang. Wenn der Partner Kinder hat. Kreuzlingen, Ariston bzw. Hugendubel, 2002, 14,95 EUR.

Natascha Becker:
Leben in der Patchwork-Familie. So gelingt der Familienmix. Köln, VGS, 2001, 10,50 EUR.

Barbara Dietrich:
Eltern im Doppelpack: Die Patchworkfamilie – Ein Trostbuch für Kinder. Woldert, Smaragd, 2005. 8 EUR.

Monika Kiel-Hinrichsen:
Die Patchworkfamilie. Vom Beziehungschaos zur intakten Lebensgemeinschaft. Stuttgart, Urachhaus, 2003. 11,90 EUR.

Sigrid Nolte-Schefold
Rechtsratgeber für Stieffamilien. Reinbek, Rowohlt TB, 2000. Gebraucht im Antiquariats-Onlinehandel.

Corinna Gieseler, Stefanie Scharnberg:
Moritz heißt noch immer Meier. Die Geschichte von Mamas neuem Freund. Hamburg, Ellermann, 2002. 9,90 EUR.

Patricia Kaufmann, Clemens von Luck:
Der neue Mann im Haus. Wenn Mütter sich wieder binden. Frankfurt a.M., Fischer TB, 2001 (Krüger 1998), 8,90 EUR.

Helga Häsing:
Mein neuer Partner und mein Kind. Ablehnung, Akzeptanz, Lösungen. Wiesbaden, Text-o-phon, 2001, 13,95 EUR.

Hans Dusolt:
Schritt für Schritt. Ein Leitfaden zur Gestaltung des Zusammenlebens in Stieffamilien. München, Profil, 2000. 16 EUR.

Andrea Krehan-Riemer:
Hilfe, ich liebe einen Wochenend-Vater. Wenn seine Kinder zu Besuch sind: So kommen Sie klar. Stuttgart, Trias, 2000, 17,95 EUR.

Gerhard Bliersbach:
Halbschwestern, Stiefväter und wer sonst noch dazugehört. Leben in einer Patchwork-Familie. Düsseldorf, Walter, 2000. 16 EUR.

Irène Théry, Marie-Thérèse Meulders-Klein (Hrsg.):
Fortsetzungsfamilien. Neue familiale Lebensformen in pluridisziplinärer Betrachtung, Konstanz, UVK, 1998. Nur noch im Antiquariats-Onlinehandel (ab 19 EUR).

Maja Gerber-Hess:
„Patchwork-Familie“. München, Bertelsmann, 2001. Nur noch im Antiquariatsonlinehandel (ab 2,69 EUR).

Anne C. Bernstein:
Deine, meine und unsere Kinder. Die Patchworkfamilie als gelingendes Miteinander. Freiburg, Herder, 1993. Nur noch antiquarisch (Onlinehandel ab 5,57 EUR).

Florine De Collin:
Die harmonische Stieffamilie. In acht Schritten zum Familienglück. Mainz, Logophon, 2001. 10,20 EUR.

Jennifer Medford:
Patchworkfamilie - Verhaltensmuster und Verankerung im Bildungsplan.
Dipl.-Arbeit (Note: 1,5) beim Fachbereich Psychologie - Sozialpsychologie der Pädagogische Hochschule Weingarten. 2004. 111 Seiten bzw. 746 KB. Archivnummer: V35999.

Jesper Juul:
Aus Stiefeltern werden Bonus-Eltern. Chancen und Herausforderungen von Patchwork-Familien. 128 Seiten. Kösel-Verlag 2011 (15,99 Euro).

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Links zum Thema Patchworkfamilie:

Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen Stieffamilien
URL: http://www.stieffamilien.de/
Hier finden Sie rechtliche Informationen, Adressen für Selbsthilfeorganisationen in über 30 Gruppen und ausführliche Beratung. Rundbriefe, aktuelle Infos und Buchtipps für Patchworkfamilien.

Patchwork-Familien online
URL: http://www.blended-family.de/
Informative Site für Patchwork-Familien, die sich austauschen möchten.

Zweitfamilie
URL: http://www.zweitfamilien.de/
Umfragen, Berichte, Buchtipps und die Möglichkeit des Austausches für Patchworker.

Eltern-Forum: Patchwork-Familie
URL: http://www.eltern.de/community/foren/postlist.php?Cat=&Board=patchwork
Hier können Sie sich mit anderen Patchworkern über die Probleme mit der neuen Familie austauschen.

Single Parents - Alleinerziehende Online
URL: http://www.spao.de/
Hier gibts Tipps und Infos für Alleinerziehende mit und ohne Partner. Und für alle die eine Patchwork-Familie gründen wollen eine große, kostenlose Kontaktbörse.

Online-Familienhandbuch
URL: http://www.familienhandbuch.de/
Hier z.B. Aufsatz von Verena Krähenbühl: Selbstbewußt Vater bleiben.

Online-Seiten von „Eltern“
Darin z.B. Artikel von Jule Scherer: Ein Leben als Flickendecke. Meine - Deine - Unsere Kinder. Wie das Zusammenwachsen zur Patchwork-Familie besser klappt
URL: http://www.eltern.de/familie_erziehung/familienleben/patchwork.html

Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV)
URL: http://www.vamv-bundesverband.de/

Mütterzentren sind eine gute Anlaufstelle für Patchworkfamilien, z.B.
URL: http://www.muetterzentrum–darmstadt.de/

Eltern helfen Eltern e.V.
URL: http://www.ehe-giessen.de/

Erbrecht in der Patchworkfamilie
bei erbrecht-berlin.de:
URL: http://www.erbrecht-berlin.de/patchworkfamilie.htm
Online-Seite der ARAG:
URL: http://www.arag.de/de/rechtimalltag/rechtstipps/sonstige/01145/index.shtml

Tips von parship.at für die Patchworkfamilie
URL: http://www.parship.at/docs/public/coaching/rat06.xhtml

Wörterbuch der Sozialpolitik online (socialinfo.ch) „Patchworkfamilie“
URL: http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=448

Oetiker/Rechsteiner in Panorama Raiffeisen 2/2002 „Patchwork ist kein Flickwerk“
URL: http://www.oetiker.ch/paarberatung/patchwork.pdf


Das Thema im Fernsehen:

Der neue Familienmix: Patchworkfamilie [hr]

Tipps für die Familienpraxis
URL: http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=9020&key=standard_document_6333258

Familienformen - von konservativ bis postmodern [br]
Großfamilie, Einelternfamilie, Patchworkfamilie etc.
URL: http://www.br-online.de/land-und-leute/thema/familie/familienformen.xml

Mixmax [mdr]
Formen der Partnerschaft
URL: http://www.mdr.de/exakt/archiv/121183.html

Familie heute [3sat]
Eine Analyse des Allensbach-Instituts
URL: http://www.3sat.de/3satframe.php3?a=1&url=http://www.3sat.de/nano/news/28436/index.html

Familie heute und morgen [3sat]
Kindsein in Deutschland
URL: http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/serien/37109/index.html

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