Luise von Baden und die russischen Einwanderer
von heute:
Macht die romantische Liebe unglücklich?
Vielleicht hatten sich einige Zuhörerinnen und Zuhörer im Melanchthonhaus
einen romantischen Abend ein wenig anders vorgestellt, denn zu einem "romantischen
Abend" hatten die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle eingeladen.
Um die "Deutsch-Russische Liebesbeziehung zwischen Tradition und Moderne"
sollte es am Samstag, dem 15. 10. 05 gehen - und zumindest musikalisch fing
der Abend auch erwartungsgemäß an: Die Pianistin Elena Beselt eröffnete
mit einer mitreißenden Interpretation von Auszügen aus Rachmaninoffs
Präludium in G-Moll. Aber bereits nach wenigen Worten der Referentin des
Abends, der Ehe- Familien- und Lebensberaterin Helene Kolb war klar, dass die
romantische Liebe auch ihre Schattenseite hat - und daß auch diese Thema
des Abends sein würden.
Helene Kolb, die sich vor ihrer Ausbildung zur Ehe- Familien- und Lebensberaterin bereits als Dolmetscherin mit Deutsch-russischen Beziehungen auseinandergesetzt hatte, begann mit einer "romantischen Liebe" par exellence: Der von Luise von Baden (1779-1826) und dem russischen Thronfolger Großfürst Alexander (1777- 1825). Obwohl es sich um eine arrangierte Ehe handelte, verliebten sich die beiden heftig ineinander und waren nach einer Märchenhochzeit mehrere Jahre lang glücklich miteinander. Russische und deutsche Quellen berichten von ein Entfremdung der beiden, die spätestens nach dem frühen Tod ihrer beiden Kinder einsetzte. Alexander wandte sich anderen Frauen zu, und auch Luise verliebte sich in einen anderen Mann. Sie litt unter dem Verlust der Heimat und der Trennung von der Herkunftsfamilie - war das möglicherweise einer der Gründe, der zum Scheitern der großen Liebe führte?
Helene Kolb kennt die Gefahren des überhöhten Ideals der romantischen Liebe aus der psychologischen Fachliteratur ebenso wie aus ihrer Beratungspraxis: Wenn der Partner mein Ein und Alles sein soll, ein ganz besonderer Mensch, der alle Bedürfnisse perfekt befriedigt, der Garant meines Glücks, dann ist eine heftige Ent-Täuschung vorprogrammiert, wenn sich - vielleicht gerade in Krisenzeiten - erweist, daß der Partner eben doch nur ein ganz normaler Mensch ist - mit allen Stärken und Schwächen, die dazu gehören. Für Immigranten, berichtet Frau Kolb, ist diese Enttäuschung oft noch schwerer aushaltbar: Zum einen, weil sie oft für den Partner viel (nämlich den engen Kontakt zu Herkunftsfamilie und die Sicherheit der Heimat) aufgegeben haben - vor allem aber, weil diese beiden wichtigen Unterstützungssysteme im Moment der Krise ausfallen.
Immiganten haben, wenn ihre Beziehung scheitert, mehr als andere das Gefühl, jeden Boden unter den Füßen verloren zu haben. Umso wichtiger ist in dieser Situation eine fachliche Beratung, in der die Immigranten sich auch wirklich verstanden fühlen, weil sie sich in ihrer Muttersprache ausdrücken können, wie es die Ehe- Familien- und Partnerschaftsberatung für Russischen (und Türkisch) anbietet. Eine muttersprachliche Telefonsprechstunde erleichtert den Erstkontakt und die Terminvereinbarung - besonders für diejenigen, die noch nicht ausreichend deutsch sprechen.
Die muttersprachliche Beratung kann darüberhinaus den spezifischen kulturellen Hintergrund berücksichtigen, der unter Umständen das Problem noch erschwert. Bei den Russen sei dies gewiß der Fall: Sie betrachteten sich selbst als deutlich emotionaler als die Deutschen (zu denen aus russischer Sicht auch die deutschstämmigen Aussiedler aus Russland gehören!). Ihnen wird zugeschrieben, Arbeit und Fleiß einen zu hohen Stellenwert einzuräumen, wohingegen aus russischer Sicht an allererster Stelle die "Stimmung des Herzens" zu stehen habe. Entsprechend tief ist der Schmerz, wenn Beziehungen zerbrechen: Es gibt wenig, was diesen größten Verlust ausgleichen kann. Zitate aus der deutschen und der russischen Literatur, aber auch von Zeitgenossen, belegten diesen Unterschied zwischen den beiden Kulturen.
Soll man angesichts dieser Gefahren das Ideal der romantischen, der bedingungslosen Liebe aufgeben und mehr "Vernunft" in Beziehungenfragen fordern ? Den Schweizer Paartherapeuten und Autor Jürg Willi zitierend, plädierte Helene Kolb dafür, die "romantische Liebe" nicht zu verwerfen, sondern eher durch eine pragmatische und realistische "Partnerliebe" zu ergänzen. Diese baut sozusagen auf der Erfahrung der bedingungslosen Liebe auf und schöpft aus dieser die Selbstsicherheit und die Zuversicht, die man braucht, um Krisen zu überstehen. Je mehr solcher Erfahrungen des bedingungslosen Angenommenseins es in der Kindheit, aber eben auch in der konkreten Gegenwartsbeziehung gegeben habe, desto besser gelänge es auch, schwere Konflikte zu durchstehen.
Und hier schließt sich der Kreis: Sowohl deutsche als auch russische Quellen, die Helene Kolb während ihrer Recherche auswertete, belegen, dass sich Luise und Alexander einander nach fast 20 Jahren Kälte und Entfremdung wieder annäherten und die letzten Jahres ihres Lebens als glückliches Paar verbrachten. Viel wäre also gewonnen, schloss Frau Kolb, wenn es uns gelänge, immer wieder Momente zu schaffen, in denen bedingungslose Annahme und Hingabe spürbar sei.
Elena Beselt, wie Helene Kolb in Russland aufgewachsen, rundete den Vortrag durch das Rondo Caprioso von Mendelsohn-Bartholdi und weitere Stücke aus der Zeit der Romantik ab.
Für die anschließenden Gespräche standen neben der Referentin etliche ihrer Kollegen und Kolleginnen aus der Beratungsstelle zur Verfügung.
Ulrich Beer-Bercher