So kann’s enden …
von Ursula Bank-Mugerauer,
Hanne Reutti und B.V.
(aus unserem Weihnachtsbrief 2006)
Das Ende von Beratungsprozessen kann sehr verschieden gestaltet
sein, es kann die unterschiedlichsten Bedeutungen haben und in großer
Variationsbreite von Klientinnen und Klienten kommentiert werden.
Da einer psychologischen Beratung in der Regel von außen keine Grenze gesetzt ist, erfolgt die Beendigung der professionellen Beziehung auf der Grundlage einer Entscheidung, die einvernehmlich zwischen Beraterin/Berater und Klientin/Klient oder einseitig getroffen wird. Diese Entscheidung hängt wesentlich vom Erreichen des anfänglich vereinbarten Ziels ab. Selten geht es da nur um Veränderung konkreter Lebensumstände, die Ratsuchenden kommen, weil es Ihnen „nicht gut geht“, weil „es so nicht weiter gehen kann“, weil sie sich „überlastet fühlen“. Die entscheidende Änderung findet nicht im Äußeren statt. Es kann ausreichen, dass die Klientin bzw. der Klient eine andere Sichtweise des Problems gewonnen hat, die meist auch eine andere Bewertung des Problems nach sich zieht, so dass sich das Gefühl etwa von Belastung, Verzweiflung oder Beschämung deutlich verändert.
Das Ende einer Beratung kann durch einen wichtigen
Lebensschritt bedingt sein: durch Umzug oder Scheidung.
Auch ein Abbruch der Beratung ist ein Ende; er kann signalisieren, dass für
die Auseinandersetzung mit einem bestimmten Lebensthema (noch) nicht der richtige
Zeitpunkt gekommen ist oder sich ein anderer „Weg nach Rom“ als
Erfolg versprechender zeigt, um das erwünschte Ziel zu erreichen. Denn
psychologische Beratung ist nur eine Möglichkeit unter vielen anderen.
Lesen Sie im Folgenden Äußerungen von Ratsuchenden in Schluss-Situationen, den Brief einer Klientin und betrachten Sie einige wundervolle Gedichte und Zeichnungen, die eine Klientin ährend der Zeit ihrer Beratung als Verarbeitung innerer Prozesse geschrieben hat:
• „Nach zwei bis drei Gesprächen mit Ihnen konnte ich meinem Partner plötzlich wieder anders begegnen. Es war wie wenn ein Schalter umgelegt worden wäre: ich hatte eine andere Sichtweise.“
• Das Ergebnis ihrer Paarberatung schilderten Klienten folgendermaßen:
Er: „An der belastenden Problemsituation
hat sich leider nicht wirklich etwas verändert. Jedoch merke ich an mir,
dass ich offener und mutiger geworden bin.“
Sie: „Ja, das Kernproblem besteht weiter, das ist auch meine Bilanz.
Aber ich kann mit dem wunden Punkt bei mir besser umgehen, so dass ich dranbleiben
kann an der Suche nach konkreten Schritten in Richtung einer Lösung.“
• „Weitere Termine bei Ihnen sind sinnlos, da sich meine Frau gegen mich entschieden hat und jeden Kontakt ablehnt. Die Gespräche bei Ihnen haben mir aber gezeigt, dass ich nicht an allem schuld bin. Dass mir das klar wurde, dafür bedanke ich mich bei Ihnen.“
• „Die intensiven Gespräche eröffneten mir eine neue Perspektive auf die Problematik meiner derzeitigen partnerschaftlichen Situation. Das hat zu einer erheblichen Verbesserung meines Wohlbefindens beigetragen.“
• „Ich habe sehen und akzeptieren gelernt, dass die Krankheit unsere Beziehung verändert hat und ich das im Moment als gegeben annehmen muss.“
• Nach 30 Jahren meldet sich
eine Klientin wieder bei ihrer Beraterin, nachdem ihr Ehemann gestorben ist,
mit dem sie ein schwieriges Zusammenleben gemeistert hat:
“Sie haben mir damals sehr geholfen. Sie haben mir gesagt, dass Sie und
ich meinen Mann nicht ändern können, aber dass ich mich ändern
könne. Dieser Satz ist mir immer wieder eingefallen und hat mir Orientierung
gegeben.“
• „Wie Sie mit mir geredet haben, spielt sich manchmal als Dialog in mir selbst ab. Das ist ein gutes Gefühl, dass es beide Stimmen in mir gibt: die Stimme, die gehört und verstanden werden will, und die Stimme, die der anderen zuhört und sie ernst nimmt. Da denke ich oft: was Sie jetzt wohl sagen würden.“
• Ende einer Einzelberatung: Auszüge aus einem
Brief an Helene Kolb
Karlsruhe, den 8.2.2007
Liebe Frau Kolb!
Mit diesen Zeilen möchte ich mich bei Ihnen verabschieden und mich noch
einmal ganz herzlich für Ihre freundlichen Bemühungen bedanken. Sie
haben mich ein Stück auf einem Weg begleitet, der für mich schwerer
zu gehen war als je ein Weg zuvor in meinem Leben. Als ich das erste Mal zu
Ihnen kam, saß vor Ihnen ein Mensch, der bis ins Mark erschüttert
war, jemand der sein Wertesystem in Frage stellte und voller Ungewissheit, zweifelnd,
in die Zukunft blickte. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen grausameren
Betrug persönlich erlebt, und ich hatte auch niemals damit gerechnet. Da
mir die Erfahrungswerte in so einem Fall absolut fehlten, machte ich mich auf
den Weg zu Ihnen, und diese Entscheidung habe ich nie bereut.
Sie balancierten mit mir oft über einen schmalen Grad, der mich ängstlich in die Tiefe schauen ließ, aber wenn ich geradeaus guckte, konnte ich doch immer ein winziges Licht am Ende des dunklen Tunnels erkennen. Ich habe viel gelernt im Laufe unserer Gespräche. Viele Dinge sind mir bewusst geworden, und ich sehe heute meinen Anteil am Scheitern meiner Beziehung recht deutlich.
Ich bin Ihnen auch sehr dankbar für Ihre Gesprächssteuerung in die Richtung meines Elternhauses. Bis vor einigen Monaten habe ich sehr ungern an meine Kindheit gedacht, und wenn mich jemand nach glücklichen Kindheitserinnerungen aus dem Elternhaus fragte, so konnte ich ihm keine Antwort geben, denn mir fielen einfach keine ein. Es gab nach meiner Ansicht keine einzige Stunde, in der ich als Kind ungezwungen lachen konnte und in der ich mich geborgen und gut aufgehoben fühlte.
Ihr Gedankenanstoß, mich doch gedanklich mit Versöhnung zu beschäftigen, ließ mich viele Bücher wälzen und brachte mir die Lebenssituation meiner Eltern ein ganzes Stück näher. Ich habe früher oft geglaubt, meine Mutter wäre nicht in der Lage gewesen zu lieben, aber heute sehe ich, dass diese Annahme ein gewaltiger Fehler war. Sie hatte, bedingt durch ihre ganz persönlichen Erlebnisse, einfach nur eine andere Art zu lieben, die nach außen manchmal als Kälte empfunden wurde. Heute erinnere ich mich an wundervolle Geburtstagskuchen, die duftend neben meinen Geschenken standen. In Gedanken sehe ich meine Mutter nachts an ihrer alten Nähmaschine sitze, um mir ein Kleid zu schneidern, … . Sie war bei mir, wenn ich krank war, schleppte die tollsten Sachen ran, damit ich wieder gesund wurde und … . Ihr Leben war geprägt von Arbeit und Entbehrungen, von Flucht und Demütigungen. Heute empfinde ich eine Spur von Stolz, wenn ich an sie denke, denn ich bin nicht sicher, ob ich den Mut und die Kraft hätte, trotz dieser Lebensumstände ein so aufrechter Mensch zu sein, wie meine Mutter es war. Sie hatte den größten Anteil an der Prägung meines Wertesystems, an dem ich heute keine Sekunde mehr zweifle! …
Vor einigen Tagen habe ich mein Poesiealbum aus einer alten, verstaubten Kiste gekramt und darin geblättert. Darin fand ich eine Eintragung meiner Mutter vom … … . Darunter gibt es eine Eintragung meines Vaters … … . Als Kind freut man sich über jede Eintragung, ohne sich Gedanken über den Sinn eines Textes zu machen. Heute habe ich verstanden, und es ist, als würde sich eine Tür weit aus der Vergangenheit öffnen, aus der zwei liebe alte Menschen winken, wie sie mir früher immer zum Abschied gewunken haben, wenn ich mit dem Fahrrad zur Schule fuhr. Ich hatte gute Eltern, und ich schäme mich dafür, sie so verkannt zu haben. Aber eigentlich brauche ich mich auch nicht zu schämen, denn wenn sie heute vor mir sitzen würden und ich ihnen meine Sichtweise erklären würde, bin ich sicher, dass sie mich verstehen könnten. Ich bin Ihnen, liebe Frau Kolb, unglaublich dankbar, dass Sie mir den Anstoß zu einem anderen Blickwinkel verschafft haben!
Abschließend kann ich heute behaupten, dass ich mich in meiner Haut wohler fühle als je zuvor. Was habe ich denn verloren? Nichts, außer den Stress einer unpassenden Rolle, die ich nie spielen wollte. Ich bin die Mutter meiner Söhne, aber tauge absolut nicht zur Ersatzmama für einen unreifen, 54 Jahre alten Mann, dem es schwer fällt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. ..…
… Wann immer man Menschen mit Liebe begegnet, erntet man offene Türen, offene Herzen, und bekommt zurück, was man gibt. Das alles mag altmodisch klingen, denn in unserer Gesellschaft ist die Oberflächlichkeit und die daraus resultierende, krank machende Liebe sehr auf dem Vormarsch. Wissen Sie, dann bleibe ich lieber altmodisch, …. . Ich mag mich selbst ganz gut leiden, und darum bleibe ich lieber wie ich bin. Innerlich, so wie auch äußerlich.
Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Hilfe, für Ihren professionellen Rat, Ihre Geduld und Ihre Warmherzigkeit. Sie waren im schlimmsten Moment meines Lebens genau die richtige Person. Ich habe kein Mitleid gesucht und auch keinen Trost, denn den gibt es in einem solchen Augenblick gar nicht. Ich habe einen denkenden Menschen gesucht, und den habe ich in Ihnen gefunden! Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit und Ihren Lebensweg alles nur erdenklich Gute! Ich hoffe, es gibt noch mehr Menschen, die ihren Beruf so wundervoll erledigen wie Sie!
Liebe Grüße und weiterhin gutes Gelingen!
G. T.