
Helene Kolb (Usbekistan) spricht mit „Shirin“ Foruogh Chelopaz Amini (Iran)
Helene: Weihnachten steht jedes Jahr in einem deutschen bzw. europäischen Kalender, aber was heißt es für unsere türkischsprachige Mitbürger, oder Iraner, oder Araber und andere Muslime in Karlsruhe oder woanders in Deutschland? In Persien beispielsweise leben ja seit Jahrhunderten Moslems und armenische, assyrische, chaldäische u. a christliche Gruppen miteinander. Man begrüßt sich gegenseitig mit „Salam, aleyikum salam!” – „Sei gegrüßt, Friede sei mit Dir”.
Zu Weihnachten sangen auch die Engel, wie bei uns in jedem Kaufhaus deutlich und laut wahrnehmbar: "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden". Ehrlich gesagt, möchte man den stressgeplagten Ehepartnern, Kindern und Eltern, Lehrern, Chefs, Bankiers, Weihnachtsverkäufern und Nachbarn nur eines in diesen Tagen wünschen: "Friede sei mit dir!" Wie kommt man zu diesem Frieden, zur Sicherheit und Geborgenheit? Ist es nicht undenkbar angesichts all der Angst erregenden Neuigkeiten wie z.B. der weltweiten Finanzkrise? Friede auch mit den Finanzmärkten? Renommierte Bankinstitute verlieren an Wert, die Bank und ihr Geld sind dann WERTLOS. Aber einen absolut beständigen, niemals vergänglichen WERT besitzt jeder einzelne Mensch, welcher Herkunft und Nationalität er auch sei! Darauf können wir mit Zuversicht bauen und einander vertrauensvoll in all unseren Beziehungen begegnen, gerade oder auch trotz des Vertrauensbruchs in der globalen Welt. Frieden beginnt mit Vertrauen.
Shirin, hier meine Fragen an Dich:
Wie gehst Du als Iranerin, wie gehen andere nicht christliche Migranten und Migrantinnen mit dem Weihnachtsfest um? Spricht man darüber mit den Kindern oder ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man Weihnachten nicht feiert?
Shirin: Ich war 17 Jahre lang mit einem Türken verheiratet, wir haben nie Weihnachten gefeiert, aber Silvester, richtig mit Geschenken. Weihnachten wird als normaler Feiertag gesehen, entweder bekommt man Besuch oder geht man Jemanden besuchen. Man sitzt nicht alleine zu Hause. Und wenn man zu den Familien mit Kindern geht, nimmt man immer etwas für die Kinder mit. Ich habe persönlich als Iranerin keinen emotionalen Bezug zu diesem Tag. Ich kaufe aber Geschenke für meine Kinder, damit sie nicht in der Schule da stehen, und nichts zu erzählen haben.
Helene: Ich frage mich manchmal, wo hinein sollen sich Migrantenkinder eigentlich integrieren? In eine Gesellschaft, die selbst nicht so recht weiß, wo sie steht und welche Werte sie hat? Wäre Integration als ein friedvolles und respektvolles Miteinander vielleicht doch schon ein sehr gutes Ergebnis? Hat die Gesellschaft, die Schulen etc. nicht viel zu hohe Erwartungen an Migrantenkinder? Was denkst Du darüber?
Shirin: Ich finde, dass das Thema "Integration" in dem Weihnachtsbrief nichts zu suchen hat. Ich glaube nicht, dass es für uns keine Werte gibt. Es gibt andere Werte. Die Welt ist voll mit verschiedenen Kulturen, keine von denen ist besser als die anderen. Sie sind nur anders. Integration für mich ist eine sehr komplizierte Sache. Was meinen wir mit "Integration"? Integration in was - in Sport, Politik, Kunst, Religion...?
Ich meine, unsere Kinder müssen sich integrieren, weil ihr Leben, Sprache und Kultur "deutsch" ist. Die Kultur, Sprache und Geschichte der Eltern ist anders. Was haben unsere Kinder damit zu tun? Ich darf kein Hindernis für die Entwicklung meiner Kinder sein, nur weil ich Iranerin bin und das weitergeben will. Die Iraner im Iran sind nicht mehr iranisch, sie sind schon längst europäisch geworden, warum soll ich meine Kinder unbedingt iranisch erziehen? Weiß Du, wenn ich daran denke, dass die zukünftige Kultur von „anderen Planeten“ sein wird, dann pfeife ich auf meine Kultur, Religion und Geschichte. Meine Kinder sollen/müssen die Sprache des "Mars" lernen, und nicht unbedingt meine Sprache. Es ist sicherlich gut, wenn sie eine andere Sprache beherrschen, aber wie viel von dieser Sprache werden sie für ihre Zukunft brauchen? Also Kultur hin, Kultur her, wenn die Menschheit sich in ihrer Geschichte nicht immer wieder integriert hätte, müsste man immer noch auf den Holzofen kochen. Aber nein, man kämpft für ein besseres Leben mit "Elektroherd". Also Integration unserer Kinder ja, aber das Thema "Integration" im Weihnachtsbrief nein.
Helene: Wie erlebst Du die Weihnachtszeit in Deutschland? Wie war es, als Du das erste Mal Weihnachten in Deutschland erlebt hast und wie ist es jetzt?
Shirin: Ich bin meistens zu Hause. Aber wir (meine deutschen Freunde und ich) werden jedes Jahr von einer aus unserem Kreis am 2. Tag eingeladen. Das macht total Spaß, mit Geschenken natürlich.
Ich wurde zum ersten Mal in Deutschland von meiner Vermieterin zur Weihnachtsfeier eingeladen. Ich war nur als Beobachterin da, ich wollte wissen, wie es geht. Aber den Inhalt habe ich überhaupt nicht verstanden. Ich konnte damals nicht viel deutsch. Ich fand es trotzdem schön. Ich habe keine Bindung zu diesem Tag, aber ich freue mich über den Weihnachtsmarkt, die Stimmung in der Stadt, die Beleuchtung, die voll belebten Straßen, und vor allem die Kinderengel auf dem Weihnachtsmarkt, die sind total süß. Ja, Weihnachtszeit mag ich, obwohl ich nicht feiere. Aber den Weihnachtsabend mag ich nicht, die Stadt ist leer, dunkel und traurig, obwohl man zu Hause feiert. Mir fehlen einfach an diesem Tag die Lichter. Mir würde dieser Tag mehr mit einladenden beleuchteten Wohnungen gefallen, als mit Wohnungen mit verschlossenen Rollläden.
Wir wünschen Ihnen ein Weihnachtsfest, das Licht in die dunklen Wintertage bringt!
Ihr Team der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle
