Zwei Kulturen – eine Liebe?
Binationale Partnerschaften in der Einwanderungsgesellschaft
von
Helene Kolb *
Binationale Partnerschaften sind im Idealfall Liebespartnerschaften mit einer zusätzlichen Offenheit für fremde Kulturen. Überall im globalen Dorf gibt es noch immer viele glückliche Paare, aber jedes unglückliche, auch (binationale) Paar, ist unglücklich auf seine ganz spezifische Art (frei nach Leo Tolstoi).
Wie kann nun grundsätzlich eine (binationale) Paarbeziehung und Familie gelingen?
Hier nun einige wichtige Aspekte:
Der Umgang mit binationalen Konflikten und Problemen will gelernt sein. Es gilt, die Sprache und die Werte beider Welten zu pflegen; es bringt nichts, wenn man den Partner nicht zu seiner Zeit, sondern möglichst schnell „eindeutschen“ will; oder auch umgekehrt: ein Deutscher möchte sich mental zu einem Asiaten oder Südamerikaner „entwickeln“. Genau dadurch würden dann die einzigartigen Eigenschaften unterdrückt, die das Paar verbinden und so anziehend wirken.
Das gemeinsame Sorgerecht eines binationalen Paares sieht vor, dass Eltern bei "Entscheidungen in Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung" wie zum Beispiel schwere Krankheit, Religionswahl oder Schuleintritt dies gemeinsam entscheiden. Hier können oft Konfliktpotentiale drohen. Aber ohne Konflikte und Auseinandersetzungen gibt es nun wirklich keine echte menschliche Beziehung, und oft geht es dabei nicht um das Kulturelle, sondern um Familienhintergründe und persönliche Betroffenheit als Individuum.
Wie könnten binationale Partnerschaften gefördert und präventiv gestärkt werden?
Es gibt freilich keine einfachen Tipps für den Umgang mit einzelnen Menschen aus anderen Kulturen, weil es keine rein typischen Verhaltensweisen gibt, auch wegen der sehr unterschiedlichen Sozialisation der Menschen, die aus ganz verschiedenen Regionen und aus unterschiedlichen Bildungsschichten stammen etc. Zum Teil leben sie schon sehr lange in Deutschland, oder sind gerade eingewandert. Für beide Partner in binationalen Ehen gilt: je besser und tiefgehender die Kenntnisse der eigenen kulturellen und persönlichen Prägung sind, desto besser kann man eine andere, fremde Kultur reflektieren und verstehen. Auch die nun jahrzehntelange Einwanderungssituation in Deutschland führt sowohl bei der Aufnahmegesellschaft wie auch bei Migranten selbst zu einer stärkeren Akzentuierung der jeweils eigenen Kultur. Akzentuierung bedeutet aber nicht die Idealisierung der eigenen Herkunft „Dort war alles schöner und besser“, oder die Abwertung des Aufnahmelandes „Hier ist alles nur schlecht“ und umgekehrt (Nach Sluzki 2001 „Familiäre Glaubenssysteme zwischen Idealisierung und Abwertung“).
Bei den folgenden Fragen zur Reflexion geht es nicht darum, alles gleich „richtig“ beantworten zu können, sondern zunächst um eine innere Bereitschaft, eine interkulturelle Sensibilität zu entwickeln:
Was bedeutet diese interkulturelle familiäre Vielfalt für die Gesellschaft?
Beziehungen insgesamt und Paarbeziehungen insbesondere fördern persönliche Entwicklung und eine gelungene Integration in eine Gesellschaft dann, wenn Menschen sich als „Teil von“ der Familie und Gesellschaft fühlen und nicht „abgetrennt von“ diesen Bereichen. Denn Vielfalt bedeutet zunächst Ungleichheit! Und es sind nicht zuletzt die positiven frühen Bindungserfahrungen in der eigenen Familiengeschichte und die aktuellen Beziehungen zwischen Deutschen und Migranten, die diese Ungleichheit durch gegenseitiges Verständnis überbrücken können. Und in jenen Städten und Dörfern hierzulande, wo diese Vielfalt bewusst und wohlwollend wahrgenommen, geschätzt und gefördert wird auf der politischen, gesellschaftlichen und familiären Ebene, wird mit Sicherheit ein wahrhaft blühendes Leben entstehen. Darüber hinaus ist Vielfalt ein erfolgreicher Wirtschaftsfaktor für Wachstum und Entwicklung. Die andere Option wäre eine Kultur der Dominanz und Unterwerfung, der Macht und Machtlosigkeit: bei Konflikten wird es dann immer Gewinner und Verlierer geben, und das Ergebnis kann die Marginalisierung von großen Migrantengruppen bedeuten.
Wenn Vielfalt als Bedrohung angesehen wird, bestehen keine Möglichkeiten zum beiderseitigen Wachstum und Entwicklung.
Dieses haben global operierende Unternehmen und grenzüberschreitende kirchliche und wirtschaftliche Organisationen längst verstanden. Politik, Gemeinden und Kirchen vor Ort holen jetzt langsam nach. Wir sind und bleiben eine Einwanderungsgesellschaft. Was fehlt nun? Zunächst und scheinbar ganz wenig: Beziehungen, gute Beziehungen, liebevolle Beziehungen! Denn wer uns nicht gleichgültig ist, da werden wir nicht wegschauen, sondern hinschauen und staunen, beschenken und beschenkt werden.
Meinen fragmentarischen „Versuch“, das vielfältige Thema zu bewältigen, beende ich mit dem Zitat von Friedrich Dürrenmatt aus dem Roman "Der Verdacht" (1952):
"Ich weigere mich, einen Unterschied zwischen den Völkern zu machen und von guten und schlechten Nationen zu sprechen, aber einen Unterschied zwischen den Menschen muss ich machen.“
* Die Verfasserin ist Ehe-, Familien- und Lebensberaterin (Diplom EZI Berlin) und als solche in der Ehe- Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle, Nelkenstr. 17 in 76135 Karlsruhe, tätig.
Ihr Artikel erschien in der Zeitschrift "Integration" (hrsg. von Stadtrechtsdirektor A. Kapinos, Karlsruhe), Heft 6.
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