1953 - heute

1953 - 1959

Dr. Alice Haidinger, 1. Vorsitzende des Trägervereins, anfangs auch Geschäftsführerin der »Arbeitsgemeinschaft zur Förderung einer Vertrauensstelle für Verlobte und Eheleute in Karlsruhe«
Dr. Lotte Paepcke, 1951 erste Beraterin, Stellenleiterin
Renate Schulze, 1956 - 1963 Geschäftsführung und Stellenleitung der Vertrauensstelle für Verlobte und Eheleute - Eheberatungsstelle
 
Schlagzeile aus dieser Zeit:
Trümmerfrauen und Kriegsheimkehrer suchen lebensnahen Rat
In offenen Sprechstunden und Hausbesuchen versucht die Beratungsstelle zwischen den durch lange Trennung und unterschiedliche Lebenserfahrung entfremdeten Eheleuten zu vermitteln. Sie bietet auch konkrete Hilfestellung z.B. bei Problemen mit Behörden an. Die Volljährigkeitsgutachten machen einen wesentlichen Teil der Beratungsarbeit aus. Paare unter 21 durften nur heiraten, wenn das Vormundschaftsgericht seine Zustimmung gab. Das Gericht forderte Gutachten der Vertrauensstelle an. Für diese Leistung im Rahmen des Gesetzes wird die Beratungsstelle von der Stadt und dem Landkreis bezuschusst.

Seminare für Verlobte und Eheleute von 1957 bis 1965
Den GründerInnen der Eheberatungsstelle lag die Eheerhaltung am Herzen. Die prophylaktische Arbeit spielte daher von Anfang an eine herausragende Rolle.

"Glück ohne Ruh, Liebe bist du!" überschrieb 1956 der Diplompsychologe Ell Ernst seinen Kurs in der Volkshochschule, der sich an die reifere Jugend über 18 Jahre wenden sollte. Die Themen waren:

  • Liebe und Geschlechtlichkeit im Jugendalter
  • Über die Wahl des Liebespartners
  • Leibliche Liebesgemeinschaft vor der Ehe?
  • Die Ehe als ganzmenschliche Hingabe
  • Die Krisen der jungen und der alten Ehe
  • Die Ehe als Grab des Glückes und der Liebe

Programmvorschau eines Verlobtenkurses bei der Beratungsstelle 1957:
14. März 1957    Was ist die Ehe?    Th. Güss
21. März 1957    Fragen des geschlechtlichen Lebens    Dr. Seemann
28. März 1957    Das Recht der Ehe und das Recht der Partner    Dr. Scheffler
04. April 1957    Mann und Frau in Beruf und Ehe    Frau Dr. Paepcke
11. April 1957    Haushalt, Heimgestaltung, Freizeit - Ihre Bedeutung für die eheliche Gemeinschaft   Frau Schneider

1960 - 1969

Dr. Alice Haidinger, 1. Vorsitzende
Renate Schulze, 1956 - 1963 Geschäftsführung und Stellenleitung
Sitta Michael, 1963 - 1969 Stellenleiterin, die erste im EZI (Evangelisches Zentralinstitut) ausgebildete Eheberaterin
Erika-Ruth Brunotte, 1969 - 1971 Stellenleiterin

1969 Umzug der Vertrauensstelle in die Werderstraße 63

1966 Anerkennung der Karlsruher »Vertrauensstelle« als Eheberatungsstelle nach den von den Dachorganisationen neu beschlossenen Richtlinien:

  • Mindestens 3 MitarbeiterInnen aus akademisch-sozialpädagogisch- therapeutischen Berufen.
  • Teilnahme jedes Mitarbeiters an speziellen Ausbildungslehrgängen für EheberaterInnen.

In den Jahresberichten finden sich keine Hinweise mehr auf Hausbesuche und praktische Unterstützung.

Schlagzeilen aus dieser Zeit:
Paarbeziehungen werden wieder nach altem Muster gelebt
Die Verhältnisse haben sich wieder »konsolidiert«, die Männer arbeiten und die Frauen sind für Kinder und Haushalt zuständig.
Konflikte sind Untreue, hauptsächlich des Mannes, Probleme mit den Schwiegereltern, zunehmend sexuelle Schwierigkeiten, männliche Gewalt, Alkohol und Krankheit. Die Berater und Beraterinnen setzen sich mit den Möglichkeiten psychologischer Beratung auseinander.
Wesentliche Impulse für die Arbeit bezieht das Team der Vertrauensstelle aus Kontakten mit anderen Eheberatungsstellen: Es gibt einen lebhaften Briefwechsel mit Israel, Besuche in den Niederlanden und in Schweden und natürlich auch bei anderen deutschen Beratungsstellen.

Zur Eheberatung kommen unverlesen alle!

Auf was alles müssen sich Berater einstellen: Auf den jungen Ehemann, der in höchste Erregung gerät, wenn ihm seine Frau den Rücken zudreht, ebenso wie auf die Frau, die nicht überwinden kann, dass ihr Mann nach der Hochzeit nicht mehr um sie wirbt. Von der zeitlich begrenzten Krise bis zur mehr oder minder schweren seelischen Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung, die auf der Beziehung lastet, auf alles muss der Eheberater gefasst sein.

Das ideale Brautpaar - sind Sie ehetauglich?
Volljährigkeitsgutachten vom Anfang der fünfziger Jahre bis 1973
Im Jahr 1975 wurde das Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Bis dahin galt, dass junge Leute, die noch nicht volljährig waren, zum Heiraten eine Genehmigung des Vormundschaftsgerichts benötigten. Dieses ließ sich vom Fürsorgeamt beraten und forderte in der Regel auch ein Gutachten der Eheberatungsstelle an.
Über die Gutachten ergab sich für die Beratungsstelle die Möglichkeit zu einer engen Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Landkreis und auch zu einer präventiven Tätigkeit. 1963 wurden Fragebogen ausgearbeitet, die auch heute noch interessant sein könnten: Diese Fragebögen wurden von beiden Partnern getrennt ausgefüllt, davor und danach gab es Gespräche mit EheberaterInnen.
Fragen:
1.    
a) Welche Filme haben Sie in letzter Zeit gesehen? Bitte geben Sie 2 oder 3 Titel an.
b) Welche Filme sehen Sie selbst besonders gerne?
c) In welche Filme geht Ihre Partnerin, Ihr Partner besonders gerne?
2. Die zweite Frage ist schwierig, aber auch besonders wichtig: Schreiben Sie nun bitte die wichtigsten inneren und äußeren Ereignisse aus dem Leben Ihrer, Ihres Verlobten auf.
a) Welche Menschen - außer Ihnen - waren ihr, ihm besonders lieb?
b) Was hat ihr, ihm besonders viel Freude gemacht? Und was war für sie, ihn besonders traurig?
c) Hatte Ihre Verlobte, Ihr Verlobter als Kind in der Schulzeit viele Freunde oder war sie, er lieber für sich allein?
d) Was machte ihr Partner bevor Sie sich kennenlernten, besonders gerne am Feierabend und in der Freizeit?
3. Anschließend schreiben Sie bitte auf:
a) Was Sie bereits alles für Ihre Ehe besitzen?
b) Wenn Sie einen Betrag von 500 DM hätten, was würden Sie sich kaufen?
c) Wieviel Haushaltsgeld müsste Ihrer Meinung nach für Ihre Hauswirtschaft der Frau zu Verfügung stehen?
d) Welches sind die Hauptziele in Ihrer Ehe und für die nächste Zukunft?
4. Wodurch entstehen Ihrer Meinung nach die häufigsten Schwierigkeiten in der Ehe?
5. Wie stellen Sie sich ein schönes Wochenende vor?
6. Bitte stellen Sie einen genauen Haushaltsplan für eine Familie mit 2 Kindern auf.
7. Schreiben Sie bitte einmal freimütig auf, welche persönlichen Eigenschaften Sie Ihrer Meinung nach besitzen, die wohl Ihrer Partnerin, Ihrem Partner in der Ehe Schwierigkeiten bereiten könnten.
8. Gibt es auch bei Ihrer Verlobten, Ihrem Verlobten Charaktereigenschaften, die Ihnen in der Ehe Schwierigkeiten bereiten könnten?
9. Jetzt schreiben Sie bitte aus Ihrem Leben die wichtigsten inneren und äußeren Ereignisse auf.
10. Wie stellen Sie sich Ihr Zusammenleben vor?

1970 - 1979

Dr. Alice Haidinger, 1. Vorsitzende
Erika-Ruth Brunotte, 1969 - 1971 Stellenleiterin
Marina Lentz, 1971 - 2001 Stellenleiterin
1971 Umzug in die Nelkenstraße 17
Seit dem 5.11.1970 gehört die katholische Kirche dem Trägerverein an.
 
Die Hausfrauen rebellieren
Mit Erika-Ruth Brunotte kommt erstmals eine jüngere und trotzdem bereits erfahrene Diplompsychologin als Leiterin an die Beratungsstelle. Klinische Psychologie und Eheberatungspraxis ergänzen sich. Die Nachfolgerin Marina Lentz ist ebenfalls Diplompsychologin und arbeitet weiter daran, die Beratungsstelle als psychologische Beratungsstelle zu profilieren.
1974 erscheint in der Statistik erstmals unter »soziale Struktur« die Rubrik »Hausfrauen« mit 37% der Klientel. Bis 1984 sinkt dieser Prozentsatz sehr langsam auf 25 bis 28%. Die Unzufriedenheit dieser Klientinnen beschäftigt die BeraterInnen und führt 1979 zur Gründung der »Hausfrauengruppe«.

Der Aufschwung kommt mit der Ökumene
Die katholische Kirche tritt dem Trägerverein bei. Bereits in den sechziger Jahren wurden beim 2. Vatikanischen Konzil die Fenster in der katholischen Kirche weit geöffnet. Die »Würzburger Synode « stellt in den siebziger Jahren die Weichen für die Ökumene in Deutschland. Im Arbeitspapier »Not der Gegenwart« wird der Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche in der caritativen Arbeit eine große Bedeutung beigemessen:

Fachliche Weiterentwicklung der Beratungsarbeit
Ab 1970 entfallen die Volljährigkeitsgutachten und gleichzeitig erscheint Gruppenberatung als neues Angebot. Das kann nicht nur mit der Herabsetzung des Alters der Volljährigkeit erklärt werden. Offensichtlich hat sich das Konzept der Beratungsstelle inzwischen geändert. 1957 beschreibt Renate Schulze das Beratungsziel noch als menschlich-soziale Hilfe, basierend auf einer persönlichen Beziehung. Erika-Ruth Brunotte (1969 - 1971) führt Grupppenarbeit als wirksame Methode ein. Marina Lentz (1971 - 2001) wird diesen Bereich noch weiter ausbauen.
Seit Anfang der sechziger Jahre wird aus der Vertrauenstelle eine psychologische Beratungsstelle. Das zeigt sich auch in der Entwicklung von internen Besprechungen im Jahr 1963 zu kollegialer und schließlich regelmäßiger Supervision durch externe SupervisorInnen.Hilfreich für das Team ist Supervision aus verschiedenen Fachrichtungen, der Blick von unterschiedlichen Standpunkten auf schwierige Fälle.
 
Neues Scheidungsprinzip: Zerrüttung statt Schuld
Holprig verlief der Weg zur Gleichberechtigung in der Berufsausübung. Anfangs ist die Frau verpflichtet, das gemeinsame Hauswesen zu leiten. 1957 hielt es der Gesetzgeber für ausreichend hinzuzufügen, dass die Frau erwerbstätig sein darf, wenn das mit den häuslichen Pflichten vereinbar ist. Erst 1976 entfällt das Leitbild der Hausfrauenehe.
Auch die Gleichberechtigung in der Kindererziehung war nicht selbstverständlich. Ursprünglich lagen natürlich gut patriarchalisch alle Rechte beim Vater. 1957 hieß es: Alle Rechte üben sie gemeinsam aus, aber im Streitfall liegt der Stichentscheid beim Vater. Durch Entscheidung des Verfassungsgerichts wird hier Gleichberechtigung hergestellt.
Der Wegfall des Schuldprinzips bei Scheidungen im 1. Eherechtsreformgesetz vom 14.06.1976 wirkt sich auf Unterhalts- und Sorgerechtsregelungen aus.

1980 - 1989

Dr. Alice Haidinger, 1. Vorsitzende
Marina Lentz, 1971 - 2001 Stellenleiterin
Christoph Horstmann, 1980-1993 stellvertretender Leiter
Die Wohnung im Erdgeschoss der Nelkenstraße 17 konnte zusätzlich gemietet werden.
 
Neu entdeckt:
Der Mann in der Beratung
In den 80er Jahren beginnen die Männer sich mit ihrer Identität und ihrem Rollenverständnis auseinander zu setzen. In dieses Jahrzehnt fallen Doris Dörries Film »Männer« (1985) und Herbert Grönemeyers gleichnamiger Song (1984).
In der Beratungsstelle zeichnet sich dieses Thema bereits einige Jahre früher ab. So ist im Jahresbericht von 1979 zu lesen: »Das Jahr des Kindes, das Jahr der Frau ist noch in unserem Bewusstsein. Wer spricht von den Problemen der Männer? Versteht man ihre Sorgen und Ängste? Wie sehen sie aus der Sicht des Beraters aus? Schon in dieser Frage zeigt sich das eigentlich männliche Problem: Die Schwierigkeit des Mannes besteht darin nicht leiden zu dürfen, sowie das Eingeständnis von Schwäche vermeiden ja sogar ablehnen zu müssen. Doch unter Männern, die die Beratungsstelle aufsuchen, sind neben denen, die »ihre Frau zur Reparatur abgeben«, zunehmend mehr, die sich ihrer eigenen Nöte und Probleme bewusst werden oder bewusst werden möchten und außerdem bereit sind, darüber zu sprechen und nach Veränderungen zu suchen.«

Beratung in Gruppen

Marina Lentz erinnert sich: "Gruppen sind effektiver. Ich habe seit Beginn meiner Tätigkeit in der Eheberatungsstelle mit Gruppen gearbeitet und das Angebot an Gruppenstunden und -vielfalt besonders in den achtziger Jahren erheblich erweitert. Anfangs Frauengruppen, später gemischte Gruppen, Christoph Horstmann initiierte die therapeutische Gruppe. Die (Haus)-Frauengruppe mit Kleinkinderbetreuung läuft seit 24 Jahren ohne Unterbrechung. Die Männergruppe, die Gestaltungs-Gruppe, die Balintgruppe und ausnahmsweise auch themenbezogene Gruppen öffneten die Gruppenarbeit für die verschiedenen Bedürfnisse der Klientel.
"Wir sind ja alle in derselben Situation", dieses Gefühl unterscheidet Gruppenarbeit deutlich von Einzelberatung. Freundschaften entstanden. Die Solidarität war groß. Wir redeten uns mit dem vertrauten »Du« an. Als Therapeutin war ich eine »prima inter pares«, ich war auch Gruppenmitglied. In diesem Modell der Gleichwertigkeit konnte ich die Nähe der Gruppenmitglieder spüren. Im Gegensatz zur Einzel- und Paarberatung genoss ich die Umarmung bei der Begrüßung ebenso wie die körperliche Nähe bei den Rollenspielen. Ich hatte wie die anderen das Gefühl, angenommen zu sein. Von heute aus gesehen war das der Beginn der Arbeit mit der Gruppendynamik: ein Aufbruch in unbekannte Möglichkeiten und Freiheiten, die inzwischen durch die Realität geerdet sind.

1990 - 1999

Dr. Alice Haidinger, 1951 - 1999 1. Vorsitzende
Britta Auer, seit 1999 1. Vorsitzende
Marina Lentz, Stellenleiterin
Christoph Horstmann, bis 1993 stellvertretender Leiter

Wir wollen alles fair miteinander regeln, auch unsere Trennung!
1991 ist die Eheberatungsstelle Mitbegründerin der Initiative für Trennungs- und Scheidungsberatung und Mediation.
Mediation
Mediation als Konfliktlösungsmodell zwischen strittigen Parteien hat eine lange, interkulturelle Tradition. Sie wurde unter anderem bei den alten Hebräern, in Afrika, Japan und China zur Lösung vielfältiger Konflikte herangezogen. In den USA wird Mediation seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Gebieten eingesetzt und ist dort inzwischen in manchen Bundesstaaten gesetzlich verankert.
Der aus dem Englischen übernommene Begriff bedeutet »Vermittlung«. Das Verfahren soll scheidungswillige Paare dabei unterstützen, mit der Trennung einhergehende Konfliktthemen, wie Umgangs- und Sorgerecht oder Unterhalt, außergerichtlich in eigener Verantwortlichkeit zu
besprechen und zu lösen. Die Frau und der Mann verhandeln direkt mit Hilfe eines Mediators, einer Mediatorin, anstatt AnwältInnen mit der Vertretung ihrer Interessen zu beauftragen.

Multikulturelle Beratung
Dipl.-Psych. Chantal Worré-Neff berichtet von ihrer Arbeit als Beraterin an unserer Stelle: "Ende 1999 habe ich, als eine in Deutschland lebende Luxemburgerin, mit der Arbeit mit Migranten und Migrantinnen begonnen. Die Prospekte der Beratungsstelle wurden in 8 Sprachen übersetzt und an die entsprechenden ausländischen Stellen gesendet.
2003 leben in Karlsruhe 34.187 MigrantInnen, d. h. Menschen ohne deutschen Pass. Fast 40% von ihnen leben länger als 10 Jahre in Karlsruhe. Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler sind eine weitere große Gruppe bei uns. Von den sozialen Stellen erfordert dies eine interkulturelle Öffnung. Das bedeutet im Falle der Eheberatung, ratsuchenden MigrantInnen einen Ort zu bieten, wo sie sich trotz kultureller, sprachlicher und religiöser Unterschiede verstanden fühlen können. Und die BeraterInnen müssen eine interkulturelle Kompetenz erwerben, was nichts anderes heißt, als sich zu öffnen für das, was nicht vertraut und bekannt ist. Die Arbeit erfordert eine respektvolle Neugier.
Das sprachliche Problem stand zuerst im Vordergrund. Ich konnte es durch den Einsatz von DolmetscherInnen und muttersprachlichen Beraterinnen lösen. Dann erst zeigen sich bei Einzel- oder Paargesprächen mit ausländischen Klienten Probleme und Konflikte wie in jeder anderen Partnerschaft. Bei deutschen Klienten gibt es auch kulturelle und religiöse Unterschiede.
Ausländische Klienten, hier als Minderheit am Rand der Gesellschaft stehend, fürchten sich ihre Wurzeln zu verlieren und leben ihr kulturelles Erbe strenger als in ihrem Ursprungsland. So konnte sich z.B. eine türkische Frau auch nach langer Beratung nicht von ihrem alkoholkranken türkischen Mann trennen. Sie hatte Angst, von der türkischen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden.
Das Bedürfnis nach Heimat und Halt kann einengend wirken. Deshalb ist die Öffnung sozialer Stellen für die Andersartigkeit der Kulturen und Religionen wichtig. Wir müssen diesen Menschen Toleranz und Akzeptanz entgegenbringen, sie in die Gesellschaft einbeziehen, um ihnen einen Platz in unserer Kultur zu geben.
In binationalen Ehen fällt es den Paaren schwer kulturell und religiös einen gemeinsamen Nenner zu finden. Eine junge, mit einem Türken verheiratete Deutsche trägt Kopftuch und ist zum Islam übergetreten. Sie lebt streng nach den Regeln des Koran. Sie war noch ein Kind, als ihre Eltern aus Südeuropa nach Deutschland eingewandert sind. Diese Frau fühlt sich heimatlos und trotz großer Anpassung in der türkischen Gemeinschaft nicht akzeptiert.
Sich nicht zugehörig und beheimatet zu fühlen, trifft man oft bei Einwanderern aus der zweiten Generation. Vielleicht lässt sich ihre Partnerwahl auf Grund dieser Gefühle verstehen. Wichtig erscheint mir, die Anliegen der Migranten und Migrantinnen ernst zu nehmen und ihnen einen Raum für ihre Bedürfnisse zu bieten, gemeinsam zu ergründen, wo sie sich schwer tun und wo Brücken zwischen den Kulturen gebaut werden könnten."

Kinderrechte, Elternpflichten
In der Reform des Kindschaftsrechts vom 16.12.1997 ist das Umgangsrecht als subjektives Recht des Kindes ausgestaltet, die Eltern haben somit nicht nur das Recht, sondern ausdrücklich auch die Pflicht, Umgang mit ihrem Kind zu pflegen. Die begriffliche Unterscheidung zwischen ehelicher und nicht ehelicher Herkunft wird aufgehoben.

2000 - 2003

2003: Feier 50 Jahre Eheberatung in Karlsruhe

Britta Auer, 1. Vorsitzende
Marina Lentz, 1971 - 2001 Stellenleiterin
Andrea Klaas, ab 2001 Stellenleiterin
 
Start ins neue Jahrtausend
Anstieg der Beratungsstunden von 3.798 im Jahr 2000 auf 4.668,5 im Jahr 2002: Wir sind an der Kapazitätsgrenze angelangt bzw. haben sie schon überschritten.
2003 - unsere Finanzierung durch Zuschüsse und Klientenbeiträge reicht nicht aus, um den aktuellen Stellenplan weiter zu finanzieren. Mehr Unterstützung ist nötig, wobei der neu gegründete Förderkreis finanziell und ideell mithelfen soll.

E-Mail-Beratung - ein neuer Arbeitsbereich für psychologische Beratungsstellen
1997 starteten wir ins Internet. Ein Jahr später konnten wir mit professioneller Hilfe eine Homepage gestalten. Inzwischen bietet ein Mitarbeiter, der sich mit Fortbildungen, Austausch mit KollegInnen und eigenen Erfahrungen qualifiziert hat, E-Mail-Beratung an.

Fragen und Thesen zu unserer Zukunft - anläßlich des 50jährigen Bestehens der Beratungsstelle

  • Die wachsende Teilnahme der Frauen am Erwerbsleben und ihr Bildungsvorsprung verändern Familien- und Karrierebilder. Die klassische Hausfrauenrolle wird ausdifferenziert, die Powerfrauen leben mit einer explosiven Mischung von Anforderungen aus Arbeit, Familie und Freizeit. Es entstehen neue Rollenmodelle, von der »Domestic Goddess« bis zu den »Alpha Girls«.
  • Es gibt heute das globale Problem »überflüssiger Männer, die der Produktionsprozess nicht mehr braucht« und Männer, die »von den Frauen nicht mehr abgeholt werden«.
  • Dass die älteren Jahrgänge zahlenmäßig dominieren, schafft eine historisch neue Situation.
  • Medizinischer Fortschritt hat das biologische Alter nach oben verschoben,ist Basis für andersartige Lebens- und Erwerbsbiografien. Der Wert "Reife" steht für die positive Neudeutung des Älterwerdens.
  • Wie leben und wohnen Menschen heute und morgen? Der Weg geht von der traditionellen Familie zu Lebensformen, in denen alles möglich ist (bunte Lebensformen).
  • Aufräumen mit dem Mythos »Single«. Wie steht es mit dem Trend zur Individualisierung und Vereinzelung, mit der Verbindlichkeit, mit der man sich an andere Menschen bindet?
  • Die Arbeitswelt im Übergang zur Wissensökonomie. Erfolgreiche Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die den »Unterschied« produzieren können. Emotionale, kommunikative und mediale Intelligenz werden zu wichtigen Lernfeldern.
  • Das Modell »Lebensarbeitsplatz« hat ausgedient, Flexibilität ist gefragt. »Mobilität« wird zum umfassenden Anspruch an jeden Einzelnen in Beruf und Privatleben, in geistiger und körperlicher Hinsicht.
  • Es wird zunehmend schwieriger, die Komplexität des Lebens zu bewältigen. Menschen suchen Techniken und Verhaltensmuster, die sie dabei unterstützen, das Leben in eine zufriedene Balance zu bringen.
  • Gesundheit ist ein Blockbuster unter den Megatrends, getragen von der Alterung unserer Gesellschaft und dem stärkeren Einfluss der Frauen. Dabei ist ein ganzheitlicher Ansatz gefragt, der die Bedürfnisse von Körper, Geist und Seele berücksichtigt.
  • Wie wird das Gesundheitswesen, wie die Beratung finanziert werden? In welchem Ausmaß sind Klienten bereit, Kosten zu übernehmen?
  • Die Konsummentalität schwankt zwischen »Geiz ist geil« und »Das Beste ist gerade gut genug«. Die Konsumkultur der vergangenen Jahrzehnte erfährt einen tiefgreifenden Wandel. Sinnfragen und Ethik halten Einzug in die neue »Sinngesellschaft«.

2004 - 2008

Britta Auer, 1. Vorsitzende bis November 2008
Andrea Klaas, Stellenleiterin

Angela Geiger, SPD-Stadträtin und stv. Fraktionsvorsitzende ist ab 2004 Schirmherrin des Förderkreises.

Entwicklungen bei den Beratungsthemen:

  • Patchworkfamilien in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen und Problemlagen suchen in stärkerem Ausmaß die Beratungsstelle auf.
  • Die innere Heimatlosigkeit vieler Migrantinnen und Migranten belastet Familien und Partnerschaften. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, die in die Beratung kommen liegt 2004 bei 9,1 Prozent, 2008 bei 14,3 Prozent. Die Beratungsstelle bietet Beratungen in Englisch, Französisch, Russisch, Türkisch,  Spanisch und mit Hilfe von DolmetscherInnen in Eriträisch, Italienisch und Polnisch an.
  • Arbeitslosigkeit ist ein wiederkehrendes Thema in der Beratung.
  • Die Digitalisierung macht auch vor Partnerschaften nicht Halt. "Virtuelles Fremdgehen" und Beziehungen im Internet ganz allgemein spielen eine zunehmend größere Rolle.
  • Aufbruch zum "Karlsruher Weg": Mit Blick auf das "Cochemer Modell" werden in Karlsruhe neue Vorgehensweisen im Umgangs- und Sorgerecht erarbeitet. Familiengericht, Anwaltschaft, Sozialer Dienst, Beratungsstellen, GutachterInnen und VerfahrenspflegerInnen beschließen ein gemeinsames Verfahren, das die Eltern in ihrer Verantwortung stärkt und faire Lösungen bei Trennung und Scheidung ermöglicht.
  • Mit der Vortragsreihe BeziehungsReich bieten wir in Kooperation mit dem Bildungszentrum Karlsruhe (Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg) und der Evangelischen Erwachsenenbildung einen bunten Strauß von unterschiedlichen Themen an, z.B.:
  • "Mein Mann versteht mich einfach nicht!" Männersprache - Frauensprache
  • Mit Händen, Füßen und Engelszungen - scheiternde und Gelingende Verständigung
  • Alles doppelt, auch beim Feiern - Patchworkfamilien
  • Einer trage des anderen Lust - ein Abend über Zärtlichkeit, Erotik und Sexualität
  • Vater und Sohn - ein starkes Team!
  • Seit Oktober 2007 bieten wir Beratung für gehörlose und hörgeschädigte Menschen an.

2009 - 2013

Ulrike Hanstein, 1. Vorsitzende ab November 2008
Andrea Klaas, Stellenleiterin
Yvette Melchien wird 2013 die neue Schirmherrin des Förderkreises.

Abschied im Vorstand
Britta Auer war über neun Jahre 1. Vorsitzende des Trägervereins Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe e.V. Sie investierte nicht nur zahllose Stunden in diese ehrenamtliche Aufgabe, sondern stand dem Team auch mit ihrem juristischen Fachwissen jederzeit zur Seite. Ulrike Hanstein, ab Ende 2008 neue Vorsitzende, ist wie ihre Vorgängerin Mitglied des BPW (Business and Professional Women, früher: Club berufstätiger Frauen).

Finanzielle Sorgen - hoher Beratungsbedarf
Die finanzielle Ausstattung der Stelle ist weiterhin auf „Kante genäht“. Der erhöhte Beratungsbedarf (2010 sind es 5.873 Stunden) konnte in diesem Jahr nur mit Hilfe von Rücklagen finanziert werden. Um den hohen Bedarf abzufangen wurde auch das Gruppenangebot überarbeitet.
Der Trend, dass zunehmend Ratsuchende mit schweren psychischen Problemen zu uns kommen, hält an. Wir versuchen, dies durch unsere unterschiedlichen Gruppenangebote und zusätzliche Aktivitäten, sowie durch eine hohe Qualität von Teamsupervision, persönlichen Fortbildungen und durch stabile Kooperationen mit anderen Stellen und Angeboten zu beantworten.

60 Jahre Ehe-, Familien und Partnerschaftsberatung in Karlsruhe
Unter dem Motto „Fast Glück“ feierte die Beratungsstelle am 8. November 2013 ihr 60-jähriges Bestehen im Albert-Schweitzer-Saal. In dieser langen Zeit hat sich sowohl die Organisationsstruktur als auch das Profil des Beratungsangebots weiter entwickelt. Nachdem wir uns vor 10 Jahren, anlässlich des 50-jährigen Jubiläums, mit unserer Geschichte befasst hatten, gewährten wir zum 60-jährigen Jubiläum einen Einblick in die Struktur und Qualität der Stelle sowie in die Vielfalt unserer Arbeitsschwerpunkte. Als Beratungsstelle am Gutenbergplatz hatten wir für unser Jubiläumsfest einen „Beratungsmarkt“ aufgebaut. Das „wir“ an dieser Stelle bedeutet, dass alle Mitarbeitenden in der Feier einen Teil ihrer Arbeit vorgestellt haben. Lichtwert e.V., eine Gruppe engagierter FotografInnen, hat unser Jubiläumsmotto „Fast Glück“ aus vielerlei Blickwinkeln ins Bild gesetzt und damit unser Fest sehr bereichert.

2013 - 2017

Ulrike Hanstein, 1. Vorsitzende
Andrea Klaas, Stellenleiterin bis Januar 2016
Barbara Fank-Landkammer, Stellenleiterin ab Februar 2016

"Mich beschäftigten  in den letzten Jahren verstärkt ältere Paare: Es geht um die "Rentenkrise", Beziehungsklärung, Familienthemen, Sexualität, Außenbeziehung, Leben mit Krankheit und Demenz ... und erwachsene Kinder, die mit Beratung gute Erfahrungen gemacht haben, motivieren ihre alten Eltern in die Beratung zu kommen," schreibt Hanne Reutti, die sich nach 32jähriger Beratungstätigkeit rückblickend im Jahresbericht 2014 verabschiedet.

Qualitätsmanagement
Das Qualitätsmangementsystem ISO 9001 hilft uns, unsere internen und externen Abläufe besser zu systematisieren. Es ist eine große Herausforderung dieses System auf unsere Arbeit anzuwenden. Doch bereits auf dem Weg einer (späteren) Zertifizierung können wir von den notwendigen Beratungen im Team und dem Treffen gemeinsamer Vereinbarungen profitieren.

Stabilisierung
Durch erhebliche Aufstockung der Zuschüsse der Erzdiözese Freiburg und der Evangelischen Kirche Baden, sowie eine Anhebung des Beitrags vom Landkreis Karlsruhe können die meisten Mitarbeitende ein unbefristetes Arbeitsverhältnis erhalten. Von 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind ab Januar 2016 dreizehn fest angestellt. Vier freie Mitarbeiter haben eine eigene Praxis und eine Mitarbeiterin ist als Volontärin auf Honorarbasis im Team. Die finanzielle Situation entspannt sich für 2016/2017.

Karlsruher Initiative gegen Depression
Depressionen sind nicht selten. Sie beeinträchtigen das Befinden der Betroffenen erheblich. Auch die   Beziehungen verändern sich, besonders in der Partnerschaft und Familie. In die Beratungsstelle kommen viele Menschen, die an depressiven Verstimmungen oder Depressionen leiden.
Depression ist auch ein gesellschaftliches Thema. Austausch und Aufklärung verhindern Stigmatisierung und Rückzug. Dazu einen Beitrag zu leisten hat sich die 2016 neu gegründete Karlsruher Initiative gegen Depression auf die Fahnen geschrieben. Unsere Stelle ist Mitinitiatorin und Gründungsmitglied der Initiative.

Wechsel in der Stellenleitung
Nach 13 Jahren Leitung und 26jähriger Tätigkeit als Beraterin geht Andrea Klaas im März 2016 in den Ruhestand. Sie hat die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung in Karlsruhe professionalisiert und als Vernetzerin wichtige Impulse in der Stadt gesetzt, nicht zu letzt mit dem "Karlsruher Weg" und der "Initiative gegen Depression".
"Als Beraterin habe ich über die Jahre die vielen lebendigen Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen sehr geschätzt. Wir stehen mit unserer Tätigkeit mitten im Leben. Und ich bin dankbar für den großen Gestaltungsspielraum, den ich als Leiterin hatte", zieht sie anlässlich ihrer Verabschiedung Resümee.
Nachfolgerin in der Leitung ist Barbara Fank-Landkammer. Die gebürtige Bruchsalerin und ausgebildete Ehe-, Familien- und Lebensberaterin arbeitete viele Jahre im Sozialpsychiatrischen Dienst und in der Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Bruchsal. Zuletzt leitete sie das Referat Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising beim Deutschen Caritasverband in Freiburg.

Öffentlichkeitsarbeit
Im September 2016 geht die neue Homepage der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe e.V. online.

2017 - heute

Die Mitgliederversammlung verabschiedet im Juli 2017 eine neue Satzung. Hintergrund ist die gewachsene Verantwortung, die nicht mehr rein ehrenamtlich getragen werden kann. Die Vereinstrukturen werden unter Berücksichtung des German Governance Codex angepasst. Die Vorstandschaft ist nun hauptamtlich. Ein ehrenamtlicher Aufsichtsrat kontrolliert.
Barbara Fank-Landkammer wird zum Vorstand berufen und leitet weiterhin die Stelle.
Anke Paulick (Vorsitzende), Peter Bitsch (Stellvertretender Vorsitzender) und Siegfried Weber werden in den Aufsichtsrat gewählt.