Lotte Paepcke

Sie war Juristin, Journalistin, Schriftstellerin - und Verfolgte des Naziregimes. In mehreren Büchern (die es leider nur noch im Antiquariat gibt) verarbeitete sie literarisch ihre Familiengeschichte:

Ein kleiner Händler, der mein Vater war

Herder spektrum Band 5262, 2002
Der Vater Max Mayer betrieb ein Ledergeschäft in Freiburg. Im Haus Ecke Schusterstrasse/ Kaufhausgässle ganz in der Nähe des Freiburger Münsters verbrachte Lotte Paepcke ihre Kindheit. Obwohl der Vater als sozialdemokratischer Stadtrat hoch angesehen war, wird er als Jude nach der Machtergreifung 1933 verhaftet, musste später sein Geschäft abgeben, wurde nach der Reichskristallnacht erneut verhaftet und in das KZ Dachau transportiert. Nach einigen Wochen kam er zurück nach Freiburg. Die Eltern flohen mit einem der letzten Züge aus Deutschland.
Lotte Paepcke beschreibt mit feiner Beobachtung und psychologisch geschultem Blick die eigene Familiengeschichte, verknüpft sie mit der Präsenz des Naziregimes in der idyllischen Schwarzwaldstadt Freiburg. Berührend auch die Rückkehr von Max Mayer nach dem Exil in den USA. "Nur ein Deutscher konnte er nicht mehr werden …" (S. 97, 3. Auflage 2002) 

Unter einem fremden Stern / Ich wurde vergessen

Herderbücherei Band 733
Als Frau in einer "Mischehe" brauchte Lotte Paepcke den Davidsstern nicht zu tragen. Trotzdem wurde es auch für sie immer enger. Mit ihrem Mann zog sie schließlich nach Leipzig, durfte aber nicht arbeiten. "So lebte ich nun als fremder Gast - wie unermesslich fremd wusste nur ich selbst - in unserer Pension …" (S. 22) Später floh sie mit ihrem Sohn Peter nach Freiburg. Sie wurde krank und verbrachte mit Unterstützung von Freunden mehrere Monate illegal in einem katholischen Krankenhaus. Anschließend überlebten Peter und sie weiter im Untergrund. Der couragierte Pater Middendorf stellte sie ebenfalls illegal im Kloster Stegen in der Gärtnerei an.
All dies beschreibt Lotte Paepcke als eine kluge Beobachterin, die auch den kleinen Alltagsgeschehen einen guten Platz gibt. Es ist ein sehr menschliches und doch Partei nehmendes Zeugnis.

1993 stellte Lotte Paepcke zusammen mit ihrem Sohn Peter Paepcke und weiteren Überlebenden den Antrag P. Middendorf an der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem zu ehren. Er wurde in den Kreis der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen.
(Quelle: Bernd Bothe "Er nahm sie alle auf" Forschungserzählung über den Judenretter Pater Heinrich Middendorf, Verlag der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg 2014)

Ich war gemeint / Gesammelte Gedichte

Von Loeper Verlag 1987 / Elster Verlag 1989
Lotte Paepckes Gedichte sind keine leichte Kost. Die persönlich erlittenen Schmerzen und das unsagbare Leid der Juden in Deutschland sprechen aus den Zeilen. Sie will beunruhigen, zur Wachsamkeit führen, schreibt gegen das Vergessen.

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Verletzt von Platzwunden
die der Regen schlug
bleibt der Arm
um die Schulter gelegt
äugt das Gesicht
aus den Vorhängen der Gewitter
ohne Zeit, feindlich
vergangener Tag.
Aber die Last
schleppt einer
auf seinem Rücken
auf nasser Straße
trocken.
(Gesammelte Gedichte, S. 16)

Menschen begleiten - Menschen, die sie begleiteten

Lotte Paepcke war 1951 die erste Eheberaterin in Karlsruhe. Eine überparteiliche Frauengruppe erkannte in den Jahren nach dem Krieg wie viele Paare überfordert waren. Heimkehrende Soldaten und überlebende Trümmerfrauen - die Kriegserlebnisse hatte die Menschen verändert. Auch die Ehen konnten nicht mehr so weitergeführt werden wie zuvor.

Dr. Alice Haidinger, Mitbegründerin des Trägervereins und 49 Jahre 1. Vorsitzende erinnert sich: "Frau Lotte Paepcke wurde gebeten einfach anzufangen. Sie tat dies einmal in der Woche abends ehrenamtlich an einem alten Holztisch in einem Kindergarten."
Der Kindergarten befand sich in der Sofienstrasse, nicht weit entfernt von der heutigen Beratungsstelle, die zu Beginn "Vertrauensstelle für Verlobte und Eheleute" genannt wurde. 1953 bis 1956 war Lotte Paepcke Stellenleiterin. Die Tätigekeit als Beraterin erlebte sie als eine berührende Wandlung ihrer Rolle in der Gesellschaft: Sie, die sich über viele Jahre klein machen mußte, nicht auffallen durfte, Angst vor den Leuten hatte, konnte jetzt die "Gebende" sein. Menschen kamen zu ihr und brauchten ihren Rat.
Eine damals sehr junge Frau, die sich in den 70er Jahren an Lotte Paepcke wandte, beschreibt sie im Rückblick als eine kleine, zierliche Frau mit einer starken Präsenz. Ihre Fragen waren fokussiert, durchdrangen das Problem. "Sie war jemand, der Leute in Ordnung brachte."  
Dr. Alice Haidinger begleitete als Juristin Lotte Paepcke auch bei ihrem Wiedergutmachungsverfahren. "Lotte Paepcke erlebte dies wie eine 2. Verfolgung. In den Behörden saßen nach dem Krieg noch immer Nazis und sie musste nachweisen(!) dass die Verfolgung durch die NSDAP der Grund war, warum sie krank geworden war." Von ihrer ersten Rente kaufte sie sich ein Klavier. Als Autofahrerin war sie durchaus couragiert zu bezeichnen. Eine enge Verbindung hatte sie zu den Marienschwestern in Darmstadt (evangelischer Konvent). Diese waren durch einen Rundfunkbeitrag auf Lotte Paepcke aufmerksam geworden und zeigten ein großes Engagement in der Unterstützung von überlebenden Juden.